Wicküler-Experte Marc Chudaska Wicküler-Experte Marc Chudaska Foto: David Fleschen

Kölsch kommt eigentlich aus Wuppertal

Der Historiker Marc Chudaska hat die Geschichte der Wicküler-Brauerei erforschte und stieß dabei auf eine echte Überraschung, die Biertrinkern rund um den Kölner Dom sauer aufstieß.

Wuppertal, 26.07.2019 - „Kölsch kommt eigentlich aus Wuppertal.“ Dieser Satz des damaligen Leiters des Engels-Hauses löste 1979 in Köln Entsetzen aus und markierte den Höhepunkt einer Episode, die als „Kölsch-Krieg“ in die Biergeschichte einging. Dabei ist der Hintergrund der Aussage eher harmlos: Zwar gab es in der Gaststätte eines gewissen Abraham Kölsch an der heutigen Friedrich-Engels-Allee in Barmen tatsächlich das erste Bier, das den Namen des Kneipenwirts, also Kölsch, trug. Mit dem obergärigen Bier, das man gerne in der Domstadt trinkt, hatte dieses pilsartige Gebräu aber wenig zu tun. 

Warum also die Aufregung? Der Satz kam damals zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Denn: Kölsch kommt zwar vielleicht nicht aus Wuppertal, doch die Geschichte des Aufstiegs des hellen Biers zum Nationalgetränk der Kölner wurde kräftig in Wuppertal mitgeschrieben - und das hört man in Köln verständlicherweise bis zum heutigen Tag nicht besonders gerne.

Noch in den 1950er Jahren war Kölsch nämlich nicht annähernd so populär wie heute. Der Marktanteil des Biers lag in Köln gerade mal bei 35 Prozent. „Kölsch war das Fassbier der Kneipen und galt für den Flaschenverkauf als eher ungeeignet“, sagt Marc Chudaska, der gelernter Brauer ist und gleichzeitig als Historiker eine Doktorarbeit über die Wicküler-Brauerei schrieb.

Die Wicküler-Brauerei. Symbol von Aufstieg und Niedergang der Wuppertaler Biertradition mit engem Bezug zur Frühgeschichte der Globalisierung: 1896 fusionierten die beiden großen Brauereien in Barmen und Elberfeld, Wicküler und Küpper, nachdem die Küpper-Brauerei, die einen großen Anteil ihres Biers nach Argentinien exportierte, von den dortigen Bürgerunruhen betroffen wurde.

Ende der 1950er Jahre entdeckte Wicküler den Namen Küppers dann neu. Diesmal ging es allerdings nicht um den Export nach Südamerika – sondern um den Absatz von Bier ganz in der Nähe von Wuppertal. Genauer gesagt: in Köln. „Warum nicht das Traditionsbier „Kölsch“ mit der Vertriebsstrategie eines Pils kombinieren und in Flaschen abfüllen?“, dachten sich die Wuppertaler.

1962 war es soweit. Das erste Glas Küppers-Kölsch wurde gezapft – damals noch auf Lizenzbasis in der Kölner Früh-Brauerei gebraut. Die Kölner waren misstrauisch: Kölsch in Flaschen? Und dann auch noch von einer Wuppertaler Brauerei? Das trinkt doch eh keiner. Gleichzeitig versuchten sie das Brauen des Biers rechtlich zu unterbinden. Doch der Rechtsstreit zog sich hin. Zeit, die Wicküler geschickt nutzte: Auf der Brauereimesse in Dortmund orderte man die modernste Brauereianlage der damaligen Zeit. Gleichzeitig investierte Wicküler in ein Grundstück in der Kölner Südstadt.

„Als 1964 ein Gerichtsbeschluss in Kraft trat, der besagte, dass Kölsch nur in einer eigenen Braustätte in Köln und Umgebung hergestellt werden durfte, stand dort bereits die größte und modernste Kölsch-Brauerei der Stadt“, erklärt Marc Chudaska. Die Bierfabrik lag zudem direkt an einer Eisenbahnstrecke. So konnte das Küppers-Kölsch, wie gerichtlich gefordert, in Köln gebraut werden – um dann per Bahn nach Wuppertal transportiert und dort in Flaschen abgefüllt zu werden.

Es war der Beginn einer langen Erfolgsgeschichte: Touristen, die Kölsch mit nach Hause nehmen wollten, kauften Küppers-Kölsch. Arbeiter, die in der Mittagspause ein Kölsch am Kiosk trinken wollten, freuten sich über das neue Bier. Und natürlich Familien, die das Kölsch in Flaschen im aufkommenden Fernsehzeitalter für den heimischen Kühlschrank orderten. Der Verkauf wurde zudem durch geschicktes Marketing unterstützt. So erhielt man zum Kauf eines Küppers-Kölsch-Kastens zwei Kölsch-Gläser gratis.

Die Kölsch-Brauer hatten dem Erfolg der neuen Marke zunächst wenig entgegen zu setzen. Das Gerücht, dass man das obergärige Bier nicht in Flaschen trinken konnte, war entzaubert. Zudem hatten die Brauer bis dahin vor allem auf Tradition gesetzt: Seit 1396 waren alle wichtigen Kölner Brauerei-Familien in der ‚St. Petrus von Mailand Bruderschaft‘ organisiert und es existierten langfristige Pacht- und Knebelverträge mit quasi allen Kölner Gaststätten.

Es regierte das Motto „Et hätt noch emmer joot jejange“ und der Klüngel. „Bis heute gibt es vermutlich kein einziges Vorstandsmitglied einer Kölner Brauerei, das nicht irgendwo im Karnevalsverein aktiv ist“, sagt Marc Chudaska.

Erst 1985 einigten sich die Kölner Brauereien auf die sogenannte „Kölsch-Konvention“ und legten damit den Grundstein dafür, dass in Zukunft ortsfremde Brauereien im Kölsch-Markt keine Chance mehr hatten.

Zudem zog man in Köln jetzt nach: Es entstanden neue, moderne Kölsch-Brauereien mit innovativer Abfülltechnik und man investierte immer mehr Geld in professionelle Werbung. Als der Comedian Tom Gerhardt in seiner Kölner Komödie „Voll normaaal“ 1994 vom guten „Ramsdorfer Kölsch“ schwärmte, war der Aufstieg der Kölner Kölsch-Marken besiegelt und Reissdorf-Kölsch hatte Küppers-Kölsch als Marktführer unter den Kölner Flaschenbieren längst abgelöst.

„Doch der Niedergang der Küppers-Brauerei Wicküler hat eher mit Management-Fehlern zu tun“, ist Marc Chudaska überzeugt. Die Brauerei beschloss nämlich irgendwann, auf die Grundlage ihres Erfolgs, die Kombination aus westfälischem Kaufmannsgeist und rheinischer Lebenslust, zu verzichten und trennte die beiden Sparten Küppers und Wicküler. „Ein fataler Fehler, der schließlich zum Aus der Wicküler-Brauerei in Wuppertal führte“, weiß Marc Chudaska. 

Und was passierte mit Küppers-Kölsch? Das Bier ging als Marke ans „Haus Kölscher Brautradition“ in Köln und wird seither in der Bergischen Löwen-Brauerei in Köln-Mülheim gebraut. Das "Haus Kölscher Brautradition" wurde später von der Frankfurter Radeberger-Gruppe "geschluckt", die inzwischen ihrerseits Teil des Dr. Oetker-Konzern in Bielefeld ist. 

Die Marke Wicküler gehört auch zur Radeberger-Gruppe bzw. zum Dr. Oetker-Konzern. Gebraut wird der Wicküler-Gestensaft in der Dortmunder Union-Brauerei. Von dem Wuppertaler Bier, das ein gewisser Franz Ferdinand Joseph Wicküler in seiner 1845 in Elberfeld gegründeten Hausbrauerei herstellte, hat zumindest der Name Wicküler überlebt.

Text: David Fleschen

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