Vier Frauen – drei Generationen. Vier Frauen – drei Generationen. Dirk Sengotta

Muttertag

„Dazu brauche ich nicht extra einen Feiertag.“ Alte Tradition oder längst überholt? Auch Mütter stehen dem Muttertag mitunter kritisch gegenüber. 

Am 10. Mai 2015 ist Muttertag – der Tag, an dem sich Kinder bei ihren Müttern bedanken, ihnen Geschenke machen, ein Bild malen oder das Frühstück bereiten: Doch wird Muttertag heutzutage überhaupt noch gefeiert? Seit Jahrzehnten ehren Amerikaner und Europäer jedes Jahr Anfang Mai ihre Mütter. Mittlerweile stellen sich immer mehr die Frage: Hat Muttertag, der seinen Ursprung 1914 in den USA feierte, heute überhaupt noch den Stellenwert wie früher – oder ist er längst uncool und überholt?

Bei Familie Knoblauch haben sich drei Generationen von Frauen eingefunden, um diese Frage zu beantworten. Da ist zuerst Kinder-Psychologin Barbara Knoblauch, sozusagen Vertreterin der ersten Generation, Jahrgang 1954. Neben ihr auf dem schwarzen Ledersofa sitzt ihre Enkelin Lea, 13 Jahre alt. Lea will später einmal etwas mit Mode machen. Im roten Ohrensessel machen es sich Tina Holle – Schwiegertochter von Barbara Knoblauch und Mutter zweier Töchter – Lea und die achtjährige Lilly bequem. Die Kleine turnt auf dem Schoß ihrer Mama herum und plappert als erste drauf los. „Also am Muttertag frühstücken wir zusammen, die Mama bekommt eine Karte und dann unternehmen wir etwas mit der Familie“, erzählt sie. Eine Karte, einen Tee oder eine Massage – an diesem Tag wird Tina Holle verwöhnt.

"Mittlerweile ist dieser Tag so kommerzialisiert…"

Trotzdem finden Lea und Lilly keinen richtigen Sinn in diesem speziellen Tag. „Ich denke ja auch so an meine Mutter und sage ihr, dass ich sie lieb habe“, erklärt Lea. „Dazu brauche ich nicht extra einen Muttertag.“ Auch Tina Holle sieht den Muttertag eher kritisch. „Mittlerweile ist dieser Tag so kommerzialisiert, die Blumen sind drei Mal so teuer wie gewöhnlich.“ Zwar freut sie sich, wenn ihre beiden Töchter ihr eine Karte schenken, doch dazu bedarf es ihrer Meinung nach keines gesetzlich festgelegten Tages. Ganz anders über den Muttertag denkt jedoch ihre eigene Mutter. „Für sie ist dieser Tag sehr wichtig. Nur deshalb feiern wir diesen Tag auch heute noch sehr traditionell, besuchen meine Mutter und bringen ihr Geschenke.“ 

Schwieger-Mama Barbara Knoblauch stammt zwar aus derselben Generation wie Tina Holles Mutter, steht dem Feiertag jedoch eher gleichgültig gegenüber. „Ich hatte früher immer das Gefühl, dass dieser Tag für meine Söhne wichtiger war als für mich, daher feiern wir ihn heute noch“, sagt sie. Warum das so ist – dafür hat sie auch keine Erklärung. „Vermutlich, weil die Kinder in der Schule viel für diesen Tag basteln und sich vorbereiten“, fügt sie nachdenklich hinzu. 

Dieser Satz scheint wie ein Stichwort für die Frauenrunde zu sein, denn sofort erzählen alle durcheinander, was sie schon alles in der Schule für den Muttertag vorbereiten mussten. „Wir lernten in der Schule jedes Jahr ein neues Gedicht auswendig“, berichtet Tina Holle. „Ja, ein Gedicht mussten wir auch lernen“, ruft die 13jährige Lea und verzieht dabei leicht genervt das Gesicht. Barbara Knoblauch weiss davon ein Lied zu singen. „Wir mussten früher tagelang ein Gedicht in Schönschrift abschreiben und mit einem aufwendigen Blumenkranz in Herzchenform verzieren. Dazu schenkte ich meiner Mutter jedes Jahr ein Usambara-Veilchen“, berichtet die Älteste in der Runde. 

Ja, früher – da hat man sich noch Mühe gegeben. Heutzutage scheint das aber gar nicht mehr so wichtig zu sein. Für Lilly und Lea ist der Muttertag vor allem eines – ein Familientag. „Wir haben alle immer so viel zu tun, und wenn wir etwas unternehmen, kommen oft noch Freunde mit. Aber am Muttertag machen nur etwas zu viert“, erklärt Lilly ernst. Auch mit ihren eigenen Kindern würden Lilly und Lea den Muttertag noch feiern. Doch anstatt ihn ganz traditionell zu begehen, mit Geschenken, Grußkarten oder Blumen, wünschen sie sich lieber Zeit – Zeit für ihre Familie.

Hannah Florian

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