Udo Dirkschneider (2. v.l.) mit seiner Band "U.D.O.". Ganz rechts Sohn Sven Udo Dirkschneider (2. v.l.) mit seiner Band "U.D.O.". Ganz rechts Sohn Sven Foto: Alexander Grigorev

Udo Dirkschneider: Keine Musik aus der Schmuseabteilung

Der Wuppertaler Metal-Sänger Udo Dirkschneider bleibt sich und seinem Stil treu: Sein neues Album kommt nicht aus der Schmuseabteilung. Über sein bewegtes Leben spricht er im "Hand aufs Herz"-Interview.

Aus unserer August-Print-Ausgabe - Wuppertal, 10.08.2018 - Udo Dirkschneider (66) ist wahrlich kein Mann der leisen Töne. Bei seinen Konzerten gibt es immer kräftig etwas auf die Ohren: Dafür sorgt schon seine unnachahmliche Reibeisenstimme - Alleinstellungsmerkmal und Markenzeichen in einem. Die Fans lieben seine Rock-Röhre. Seine Mit-Musiker von „Accept“ warfen ihn 1987 aber genau deswegen aus der Band. Sie wollten den „Scorpions“ Konkurrenz machen. Doch dafür war Dirkschneiders Donner-Stimme nicht geeignet.

Der Sänger reagierte aber nicht verstimmt, sondern gründete kurzerhand seine Heavy Metal-Band „U.D.O.“ Sich und seinem Stil blieb er treu. Und der Erfolg gab ihm Recht. U.D.O. ist mittlerweile zu einer Art Familien-Unternehmen geworden. Sohnemann Sven (25) trommelt nämlich seit 2015 am Schlagzeug. Am 31. August kommt das neue, gemeinsame Album „Steelfactory“ heraus.

Und da lassen es Udo & Co. wieder richtig krachen. „Keine Spur von Altersmilde“, schreibt das Fachblatt „Metal-Hammer“ über die neuen Songs aus dem Hause Dirkschneider. Lieder aus der Weichspülabteilung hätte auch niemand erwartet. Bevor Udo Dirkschneider mit dem neuen Hammer-Album auf Tour geht, gab er der STADTZEITUNG ein umfassendes Interview.

DS: Ein ganzes Leben auf der Bühne, war das immer Ihr Traum?

Udo Dirkschneider: „Am Anfang nicht unbedingt. Das hat sich dann langsam entwickelt. Und heute kann ich ganz gut damit leben.“

DS: Was ist das eigentlich für ein Gefühl, dass die Band Accept, die Sie mit gegründet und entschieden geprägt haben, ohne Sie weiter durch die Welt tourt?

Udo Dirkschneider: „Damit habe ich kein Problem. Die Band-Mitglieder haben das so entschieden. Es sieht ja auch so aus, dass sie damit durchaus Erfolg haben. Die Sache ist so lange her. Ich habe ja jetzt auf der Dirkschneider-Tour noch einmal die alten Accept-Songs gespielt und damit für mich einen guten Abschluss gefunden.“

DS: Ihre markante Reibeisenstimme ist ja Ihr Markenzeichen, war aber auch der Grund, warum Sie bei Accept gehen mussten. Ihre Band-Kollegen wollten sich in Richtung Scorpions orientieren. Wie hart war das für Sie?

Udo Dirkschneider: „Es ist schon sch…, wenn man quasi aus dem eigenen Haus geworfen wird. Die Jungs wollten kommerzieller werden. Ich bin aber ganz gut damit klar gekommen und relativ schnell mit U.D.O. auf Tournee gegangen - zusammen mit Guns n’ Roses und Lita Ford. Ich habe da gar nicht groß drüber nachgedacht. Das kam erst später. Aber immerhin gibt es U.D.O. inzwischen länger als Accept.“

DS: Sind Sie wirklich durch den Beatles-Song „I’m Down“ zur Rock-Musik gekommen?

Udo Dirkschneider: „Das stimmt. „ I’m Down“ war meine erste Single, die ich von meinen Eltern geschenkt bekam. Durch diesen Song bin ich auf den Geschmack gekommen.“

DS: Als sie die Rolling Stones hörten, sollen Sie John, Paul, George und Ringo eher für Waschlappen gehalten haben. Hat sich Ihr Bezug zur Musik der Beatles geändert?

Udo Dirkschneider: „Waschlappen ist zu hart: Aber im Vergleich zu den Stones kamen die Beatles doch eher aus der Weichspülabteilung. Damals waren wir noch rebellisch. Aber inzwischen habe ich fast alle Beatles-Alben zuhause im Schrank.“

DS: Am Metal-Bereich sind ja moderne Trends eher spurlos vorüber gegangen, ist das ein Grund warum die alten Heroes wie Judas Priest, ACDC und auch Sie immer noch angesagt sind?

Udo Dirkschneider: „Das Rezept ist relativ einfach: Man muss gute Songs schreiben, die zeitlos sind. Und wir spielen handgemachte Musik, die sehr persönlich ist und ehrlich herüber kommt. Das spüren die Leute. Und deshalb sind die alten Hasen wie Judas Priest, Metallica oder ACDC immer noch so erfolgreich.“

DS: Wie entstehen Ihre Song-Ideen?

Udo Dirkschneider: „Ich brauche nur den Fernseher einzuschalten, dann kommen mir schon die Ideen entgegen. Und manchmal habe ich auch eine Melodie im Kopf, die ich dann weiter verarbeite.“

DS: Sie haben ja eigentlich mal als Keyboarder angefangen, ehe Sie auf Gesang umgestiegen sind. Wie gut beherrschen Sie das Tasten-Instrument heute noch?

Udo Dirkschneider: „Ich will es einmal so sagen: Song-Ideen kann ich auf dem Keyboard festhalten. Dafür reicht es. Aber Noten lesen konnte ich noch nie.“

DS: Wolfgang Niedecken von BAP hat gesagt, früher konnten wir von unseren Albumverkäufen leben, heute wäre das ohne Auftritte und Tourneen gar nicht mehr möglich. Haben Sie die gleichen Erfahrungen gemacht?

Udo Dirkschneider: „Das kann ich so unterschreiben. Die Zeiten, dass man vom Verkauf der Alben leben konnte, sind lange vorbei. Heute sind das Live-Geschäft und das Merchandising die beiden Haupteinnahme-Quellen für uns Musiker.“

DS: Sie waren in allen ihrer Bands immer der Boss, der den Ton angegeben hat. War Ihnen das wichtig oder hat es sich einfach so ergeben?

Udo Dirkschneider: „Ich habe damals Accept mit dem Ziel gegründet, die härteste und lauteste Band in Deutschland zu kreieren. Das habe ich geschafft. Dann wurde ich aus meiner eigenen Band herausgeschmissen und ich habe U.D.O. gegründet. Da musste ich am Anfang noch den Chef spielen. Aber inzwischen ist das absolutes Teamwork. Die eine oder andere Sache muss ich schon noch entscheiden, aber im Prinzip läuft die ganze Sache jetzt sehr demokratisch ab.“

DS: Wie ist es, mit dem eigenen Sohn in einer Band zu spielen?

Udo Dirkschneider: „Das macht Riesen-Spaß. Er bekommt aber keine Extrawürste gebraten. Er ist ein ganz normales Bandmitglied. Private Geschichten bleiben auch privat und haben im Band-Alltag nichts zu suchen. Es ist schon ein geiles Gefühl, wenn man sich auf der Bühne umdreht und da sitzt der eigene Sohn am Schlagzeug.“

DS: Und bringt Ihr Sohn auch seine musikalischen Ideen mit ein?

Udo Dirkschneider: „Beim Komponieren der Songs für das neue Album ‚Steelfactory‘ haben wir als Team gearbeitet. Er stammt aus einer anderen Generation, hat einen eigenen Musikgeschmack. Daraus ergeben sich schon Einflüsse. Die Grundbasis ist ja in der Heavy-Metal-Musik ohnehin vorhanden. Und da ist es sicher gut, neue Einflüsse aus einer anderen Generation zu bekommen. Das macht die Sache für uns alte Hasen interessant und spannend.“

DS: Welche Musik hören Sie eigentlich privat?

Udo Dirkschneider: „Alles durch die Bank. Ich höre sehr viel Radio, hauptsächlich „Rock-Antenne“. Ich bin keiner, der sich den ganzen Tag Motörhead oder ACDC anhört. Ich lasse mich von Musik unterschiedlichster Stile berieseln.“

DS: Sind Sie noch ein guter alter Platten- und CD-Sammler oder Downloaden Sie auch Musik?

Udo Dirkschneider: „Ich habe irgendwann damit aufgehört, Alben zu kaufen. Wenn etwas interessantes Neues auf den Markt kommt, kriege ich das ohnehin so zugesteckt. Ein Downloader bin ich auf keinen Fall.“

DS: Wacken ist inzwischen so etwas wie das Metal-Mekka. Was macht dieses Festival in einem Ort, an dem sonst nur Kühe grasen, aus?

Udo Dirkschneider: „Eine riesengroße Party! Wacken ist besonders für jede neue Band ganz wichtig, weil dort die gesamte Weltpresse vertreten ist. Ich muss mich zum Glück dort nicht mehr profilieren. Für mich ist das einfach ein großes Happening. Ich stehe dort sehr gerne auf der Bühne vor 70.000 oder 80.000 Fans, die mitsingen und Party feiern.“

DS: Wie erklären sie das Phänomen Wacken. Dort treffen Bands, die seit Jahrzehnten erfolgreich sind, auf Gruppen, deren Mitglieder ihre Enkel sein könnten?

Udo Dirkschneider: „Wir haben 1998 zum ersten Mal in Wacken gespielt. Da war das Festival noch ziemlich klein. Die beiden Organisatoren haben die richtigen Bands zum richtigen Zeitpunkt geholt und dadurch wurde das Festival immer größer. Eine echte Erfolgsgeschichte. Man muss aber sagen, dass der Kommerz mittlerweile eine große Rolle spielt.“

DS: Sie haben jetzt mit einem kompletten Sinfonieorchester auf der Bühne gestanden, hätten Sie sich das in den 80er Jahren überhaupt vorstellen können?

Udo Dirkschneider: „Nicht wirklich! Als Stefan Kaufmann noch in der Band war, haben wir einmal kurz mit dem Prager Sinfonieorchester zusammen gearbeitet. Das war uns aber zu schmalzig. Wir haben jetzt drei Konzerte mit einem Orchester gespielt, das zum großen Teil aus Bläsern bestand. Blechinstrumente passen sehr gut zu Metal-Musik. Das war sensationell. Die Leute habe darauf richtig abgefeiert.“

DS: Im August kommt Ihr neues U.D.O.-Album ‚Steelfactory‘ heraus. Sicher keine ‚Kuschelrock-CD‘, wie schon der Titel verrät. Was erwartet den Hörer?

Udo Dirkschneider: „Viel Metal-Musik. Auf dem Album gibt es zwar auch eine Ballade. Es ist aber ein Heavy-Album und kommt wahrlich nicht aus der Schmuseabteilung.“

DS: Mick Jagger wird 75, Charly Watts bald 78 - wird man Sie in dem Alter auch noch auf der Bühne sehen?

Udo Dirkschneider: „Das kann ohne Weiteres passieren. Solange ich Spaß habe, meine Stimme funktioniert, ich gesund bleibe und die Leute in meine Konzerte kommen, sehe ich kein Ende. Es macht immer noch Laune, auf Tour zu sein. Man ist relaxter geworden und Partys feiern wir auch nicht mehr jeden Tag. Das würde gar nicht mehr gehen. Irgendwann wird sicher einmal Feierabend sein. Aber im Augenblick ist das noch nicht abzusehen.“

DS: Auf der Bühne sterben zu wollen, ist das ein realistischer Traum oder doch eher nur Folklore?

Udo Dirkschneider: „Es ist bestimmt nicht mein Traum, auf der Bühne zu sterben. Ich werde mit Sicherheit spüren, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um aufzuhören.“

DS: Wie pflegen Sie eigentlich Ihre Stimme, die ja Ihr Markenzeichen ist?

Udo Dirkschneider: „Gar nicht. Ich singe mich vor einer Show auch nicht warm. Ich marschiere auf die Bühne und dann geht´s los.“

DS: Gibt es heute eigentlich mehr oder weniger Groupies?

Udo Dirkschneider (lacht): „Die sind im Gegensatz zu den 80erJahren sehr selten geworden…“

DS: Und wann treten Sie mal wieder in Wuppertal auf?

Udo Dirkschneider: „Das kann ich noch nicht sagen. Ende Oktober touren wir mit dem neuen Album ‚Steelfactory’ durch Russland, dann sind wir bis Mitte Dezember in Südamerika unterwegs. Mitte Januar beginnt dann die Europa-Tournee. Ob wir auch in Wuppertal spielen, steht noch nicht fest.“

DS: Vielen Dank für das offene, interesante Gespräch

Das Interview führte Peter Pionke

 

VITA

Udo Dirkschneider wurde am 06. April 1952 in Wuppertal geboren. Als 12Jähriger kam er erstmals mit Rock- und Pop-Musik in Berührung, als ihm seine Eltern die Beatles-Single „I’m Down“ schenkten. Musikalisch fühlte er sich aber den raueren „Rolling Stones“ enger verbunden.

Im Alter von 14 Jahren bekam Udo Dirkschneider ein Keyboard. Als Autodidakt brachte er sich selbst das Keyboardspielen bei. Mit einem Klassenkameraden, dem Gitarristen Michael Wagener, der später ein erfolgreicher Produzent wurde, gründete er eine Band. Drei Jahre lang tourten sie durch Klubs.1971 änderte Dirkschneider und Wagener den Bandnamen in „Accept“. Der Start einer Erfolgsgeschichte.

Das Album „Balls To The Wall“ verkaufte sich weltweit über zwei Millionen Mal. Doch 1987 musste Udo Dirkschneider „Accept“, die Band, die er mitgegründet hatte, verlassen. Die anderen Bandmitglieder wollten kommerzieller werden und sich an der Musik der „Scorpions“ orientieren. Doch dazu passte Udo Dirkschneiders Reibeisenstimme nicht.

Dirkschneider gründete die Heavy Metal-Fromation U.D.O. und veröffentlichte das Album „Animal House“ - der Erfolg blieb ihm treu. Von 1992 bis 1996 dann die Reunion von „Accept“. Nach der erneuten Trennung von „Accept“ reaktivierte die Wuppertaler Rockröhre seine Band U.D.O., bei der mittlerweile sein Sohn Sven (25) am Schlagzeug sitzt. Am 31.08. kommt das neue Album „Steelfactory“ heraus.

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