Große Autos sind ganz klar Männersache... Große Autos sind ganz klar Männersache... Foto: Paul Coon

Frauen, Männer und ihre Autos

Frauen, Männer und ihre Autos! Nach welchen Kriterien suchen die Geschlechter ihren fahrbaren Untersatz aus?

Aus unserer Dezember-Print-Ausgabe - Wuppertal, 12.12.2018 - Wenn es um das liebste Transportmittel der Deutschen geht, das Auto, scheiden sich die Geister und meist, so sagt der Volksmund und die Werbung, auch die Geschlechter! Es lässt sich aus eigener Erfahrung kaum bestreiten, dass man am Motorengeräusch und am unruhigen Fuß vor der roten Ampel eine recht zuverlässige und teilweise verblüffend detaillierte Schätzung über den Fahrer abgeben kann. Aber wo genau beginnen die spaltenden Vorlieben?

Zurück zu Männern und Frauen: Es muss gar nicht bei farbenfrohem Lack oder Unterbodenleuchten anfangen. Was ist zum Beispiel mit der Größe des Wagens? Auch hier geht man davon aus, dass es bei großen Wagen umso wahrscheinlicher ist, dass ein Mann hinterm Steuer sitzt, was meist mit Kompensations-Vorwürfen kommentiert wird.

Nehmen wir einmal Proben aus dem Leben: Mir kommt ein Freund in den Sinn, der sich kürzlich von seinem Lohn den ersten Neuwagen gekauft hat. Nach jeder Menge Ärger mit dem Autohändler und ein zwei Umentscheidungen steht er schließlich vor meiner Tür und führt mir stolz seinen Wagen vor. „Er sieht vielleicht nicht wie ein Sportwagen aus ,aber er ist es!“ versichert er mir. Tatsächlich ist der Viertürer ziemlich lang und nimmt dementsprechend viel Platz in Anspruch. Bei geöffneter Tür kann man im Rahmen in breiten kursiven Lettern „PERFORMANCE“ ablesen, so als wollten die Fahrzeugbauer sichergehen, dass niemand die Sportlichkeit Ihres Produktes geringschätzt.

Drinnen zeigt er mir ein paar Features, von denen ich im Hinblick auf meinen geerbten Gebrauchtwagen nur sehr schemenhafte Vorstellungen habe. Voll digitalisiert gibt es einen „Race-Modus“, der außerhalb des städtischen Verkehrs die Sprungfreude des Autos scheinbar stark ankurbelt, nebst anderen Einstellungen, die es dem Fahrer ermöglichen, Leistung zu zeigen wenn er denn will. Auch das Standgas ist beeindruckend und verspricht geradezu ballistische Geschwindigkeiten. Um das Klischee abzurunden, sagt er mir halb spaßig halb im Ernst: „Der ist geleast; in ein paar Jahren holen ich mir dann einen neuen!“.

Hier wird das Auto zum Statussymbol in Reinkultur; ganz reizlos finde ich selber das Auto auch nicht, es wäre schon ein Genuss, selber einmal Leute wie aufgeschreckte Rehe von der linken Spur zu scheuchen.

Im diesem Beispiel ging Größe mit Geschwindigkeit einher; es ist zugegebenermaßen aber auch schwierig, einen Geländewagen in Wuppertal zu finden. Den Gegenpol zu dieser Erfahrung bildet ein Gespräch mit einer Freundin, selbst auto-los, die ich zum Thema befragt habe. Sie, das ist schnell klar, beschränkt Ihr Augenmerk auf den Einsatzbereich, nämlich das Stadtgebiet. Es dauert nicht lange und schon besteht die Verbindung mit dem Thema Shopping. Zügig hin, möglichst einfach einen Parkplatz finden und dann die Schätze nach Hause tragen: Dabei ist ein kleiner Wagen, wie Sie selber sagt, sehr viel praktischer als ein Schlachtschiff auf Rädern.

Der Unterschied zum Archetyp „Sportwagen“ besteht hier ganz klar im Stellenwert, den das Autofahren an sich einnimmt. Für das Musterbeispiel Mann ist Autofahren ein Erlebnis und auch ein Stück weit Identität. Er will den Rausch der Geschwindigkeit spüren und dabei ein Auto fahren, das zu seinem Image passt und das kann ein winziges Auto, das beim Weggucken bereits vergessen ist, es sei denn, es hat Düsenjet-Innereien und Starterlaubnis.

Für Frau auf der anderen Seite ist das Auto tatsächlich eher nur Transportmittel, das dazu dient, zum Ort des Geschehens zu gelangen, der Weg dahin ist Zweck und kein Event. Deshalb soll es praktisch sein und auch hier kann man die Erwägung der Größe gut verstehen: Dass bei einer immer größer werdenden Masse an Autos auf unseren Straßen das kleine Auto besonders Innerorts Vorteile mitbringt, die Pferdestärken an dieser Stelle nicht aufwiegen können, ist unbestreitbar.

Das Fazit lautet: Ja, Klischees bestehen nicht ohne Grund. Es gibt aber auch Ausnahmen: Ein anderer Freund von mir ist vornehmlich in der Stadt unterwegs. Er ist durchaus auch Autoliebhaber kann aber zumindest für den Moment gut ohne Vergnügungsfahrten auskommen. Nicht zuletzt, weil in seinem Wohn-Umfeld eine katastrophale Parkplatzsituation herrscht.

Schon deshalb schaffte er sich einen Kleinwagen an, mit dem er hochzufrieden ist. Bisher hat er noch immer einen Abstellplatz gefunden (während ich meist in die Röhre gucke) und ist trotzdem, weil das Auto einer neueren Generation angehört, schnell unterwegs. In seinem Stolz fühlt er sich auch nicht verletzt: Sieg in allen Kategorien.

Text: Robin Görge

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