Jung-Winzer Felix von Nell Jung-Winzer Felix von Nell Foto: Siegfried Jähne

Klimawandel macht Seitenlagen zu Top-Lagen

Weinbau an der Mosel: Klimawandel macht Seitenlagen zu Top-Lagen. Nur der Rotwein verspricht ein Jahrhundertwein zu werden.

Aus unserer September-Print-Ausgabe - Wuppertal, 18.09.1018 - Wird es ein Jahrhundertwein? Die spekulative Frage nach der Qualität des Weinjahrgangs 2018 lässt sich mitnichten mit einem ja oder nein beantworten. „Wie gut der Wein wird, wissen wir erst, wenn er in der Flasche ist“ sagte uns der angehende, noch junge Winzer Felix von Nell (19) kurz vor der jetzt beginnenden Traubenernte in Trier an der Mosel.

In diesem Jahr komme alles zwei bis drei Wochen früher. Zu etwas wirklich Großem wächst der Wein aber erst mit der Zeit in der Flasche heran, wenn sich die verschiedenen Eigenschaften im Reifeprozess miteinander vereinen, weiß der junge Winzer zu berichten.

In einem sind sich die Fachleute indes schon jetzt einig: Der Rotwein hat das Zeug dazu, ein Jahrhundertwein zu werden, beim Weißwein ist man da keineswegs sicher. Dafür war der Sommer zu trocken, die Traube blieb klein und konnte sich mangels Wasser nicht richtig entwickeln. Wie schon in den Jahren 2003 und 2017 werde es aber sicher zu einem sehr guten Wein kommen. Die Weinbauern sind indessen dabei, sich auf den Klimawandel und die damit verbundenen gravierenden Veränderungen einzustellen.

Das seit dem 1802 in Familienbesitz befindliche Weingut ist mit 20ha Weinbergen eines der größten und traditionsreichste Weingute im Trierer Raum. Die Familie von Nell (Name abgeleitet von O’Neill) kam um 1500 von Irland an die Mosel, wo sie sich fortan als Flößer und Holzhändler betätigten.

Sie profitierten von Napoleon, der viele der mehrheitlich im Besitz der Klöster befindlichen Weingüter veräußerte. Urgroßonkel Professor Oswald von Nell-Breuning war als Jesuit sozialpolitisch unterwegs und an der Fassung unseres Grundgesetzes beteiligt, bevor er 1981 Ehrenbürger der Stadt Trier wurde. Kein Wunder, dass auch der heutige Firmenchef Georg-Fritz von Nell bei seinen Führungen und Weinproben einiges zu berichten weiß. Den Part zum Thema „Zukunft“ überlässt er aber gerne seinen Söhnen Georg Fritz (21) und Gregor Felix (19), die seinen Betrieb übernehmen sollen.

Felix von Nell beschreibt die gravierenden Veränderungen an der Mosel. So werde aufgrund der stärkeren Sonneneinstrah- lungen auf den Südlagen mehr auf Rotwein (Anteil heute erst 14 Prozent), statt auf den Klassiker „Riesling“ gesetzt, der noch zu 60 Prozent angebaut wird. Der Sonnenseite abgewandte Seitenlagen werden dagegen künftig für den Riesling zu Top-Lagen.

Das hat zu tun mit den sich durch starke Sonneneinstrahlungen an den Schalen der Traube entwickelnden Phenolen, die man besonders beim Rotwein als Geruchs- und Geschmacksträger schätzt, naturgemäß speziell beim trockenen Weißwein aber weniger liebt, wenn es auf den frischen, reinen Geschmack ankommt. Bei den eher süßen spricht man daher auch von phenolischen Weinen.

Am Ende kommt es bei der Qualität des Weins aber auch auf die Kunst und das Glück des Winzers an, seine Trauben mit optimaler Reife zu ernten und die Vergärung so zu steuern, dass ein Maximum an Frucht und reifem Tannin (pflanzliche Gerbstoffe) abgesondert werden.

Auch wenn der Beruf des Winzers trotz vermehrten Maschinen-Einsatzes immer noch mit viel Handarbeit verbunden ist, erfreut er sich zunehmender Beliebtheit auch bei „Nicht Mose- lanern“.

„Wir haben inzwischen in unseren Berufsschulklassen 50 Prozent Quereinsteiger“, beschreibt Felix von Nell seine sich verändernde, nicht immer romantische Berufswelt, die hohen Arbeitsaufwand verlange. Viel Liebe zur Natur und Ein- satzbereitschaft gehöre schon dazu. Ihr Betrieb beschäftigt nur fünf hauptberufliche Mitarbeiter, aber ganz viel Saisonarbeiter.


Nach Überzeugung des jungen Weinbauers hat die Mosel eine gute Zukunft. Man stemme sich vehement gegen Brachland- schaften, um die Kulturlandschaft zu erhalten. Herzu tragen inzwischen auch EU-Subventionen nicht unerheblich bei.

Das erkennt auch Vater Georg-Fritz von Nell an, der ansonsten mit scharfer Kritik an der überbordenden, die Entwicklung hemmende Bürokratie nicht zurück hält. Sechs Jahre habe er für die Genehmigung einer modernen Quer-Terrassenanlage gebraucht, welche im Gegensatz zu Steilanlagen den Was- serabfluss verringert und eine maschinelle Bewirtschaftung erleichtert.

Text: Siegfried Jähne



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