Lichtdesigner Johannes Dinnebier Lichtdesigner Johannes Dinnebier Foto: privat

'Lichtgestalt' Dinnebier lässt die Welt erstrahlen

Johannes Dinnebier ist eine "Lichtgestalt' im wahrsten Sinne des Wortes. Der nimmermüde Autodidakt lässt die Welt erstrahlen...

Aus unserer Oktober-Print-Ausgabe - Wuppertal, 13.10.2018 - Eintausendfünfhundert Kirchen hat er beleuchtet, von Düsseldorf bis Dubai öffentliche und private Gebäude belichtet, darunter Theater, Messehallen und Flughäfen, aber auch die Bausmühle in Solingen rekonstruiert, in der er heute lebt: Monströse Dimensionen haben ihn genau so wenig geschreckt wie kleine Dinge. Johannes Dinnebier, am 21. Februar 1927 im tschechischen Herrnskrethchen geboren, ist, der Not gehorchend, aber auch dem eigenen Triebe Zeit seines Lebens ein Selfmademan gewesen und ist es heute noch.

Autodidakt, Visionär, Avantgardist – Johannes Dinnebier ist Lichtplaner und seit über 50 Jahren erfolgreich. Aus seiner Phantasie heraus entwickelte er sich, ohne dazu ausgebildet worden zu sein, zum weltweit gefragten Experten. Seine ungewöhnlichen Lichtkonstruktionen finden sich rund um den Erdball.

Er hat über 5.000 Plätze illuminiert, den Flughafen Istanbul, das Diplomatenquartier in Riad und die Wuppertaler Schwebebahn. Wer bei Google Johannes Dinnebier eingibt, erhält eine Unmenge an Verweisen. Der „Lichtkünstler“, als der er oft apostrophiert wird, hat aber auch gerne vor der eigenen Haustür gearbeitet.

Starallüren sind ihm fremd. Als der Chronist ihn anruft und um einen Termin bittet, erhält er die Auskunft, er, Johannes Dinnebier, müsse wahrscheinlich am nächsten Morgen in eine Rehabilitationsklinik gehen, was dann auch der Fall war. Also verabredete man sich nach kurzer Zeit auf eine Tasse Kaffee am Nachmittag.

Ein abenteuerliches Leben. Wie heißt es heute so vielsagend und oft irreführend: Er hatte eine schwere Kindheit und Jugend. Von der Schule ging es an die Front, ein Jahr war er Soldat. Mach das Beste draus: Er brachte es beim Forellenfischen zur Meisterschaft, ein Kontinuum seines Lebens, und warf mit US-Offizieren der Kommandantur in seiner Heimatgemeinde so manche Angel aus, darunter zwei Mal mit dem Rommel-Bezwinger Marschall Montgomery. Der Besatzung stand er auch zu Diensten, als deutsche Kriegsgefangene gefragt wurden, wer von ihnen vorsätzlich unbrauchbar gemachte Radios reparieren könne.

Daniel Düsentrieb ging ans Werk, machte aus drei kaputten Geräten ein funktionierendes und war gern gesehen. Wenig später hieß es: Kann jemand von den Deutschen mit Motorrädern umgehen? Dinnebier heute: „Das Spiel kannte ich ja schon, ich habe mich dann gemeldet.“ Als einziger. Kräder und, wenig später, Automobile hat er instandgesetzt. Ohne jede Fachkenntnis, aber er hatte ein Gespür dafür, worauf es ankam, irgendwie ein paar funktionierende Exemplare zustande zu bekommen.

Doch irgendwann ging auch diese Zeit zu Ende, die Deutschen waren nicht mehr gelitten und wurden vertrieben, und es verschlug die aus Mutter und Tante, einer kränkelnden Schwester, zerstrittenen Großeltern und Johannes bestehende Familie, die sein Improvisationstalent und seine Fähigkeit, Lebensmittel zu beschaffen, zu schätzen gelernt hatte, vom Elbsandsteingebirge in die Nähe von Kassel.

Die Familienzusammenführung fern der Heimat war ernüchternd. Dinnebier blickt zurück: „Der Heiland kam mit leeren Händen.“ Vorerst. Denn der Lebens- und Lichtkünstler, als den die Welt ihn noch kennenlernen sollte, gibt nicht auf und beginnt – viel Technik ist nicht erforderlich, und die Blinker stellt er selber her – wieder zu fischen. Und freundet sich erneut mit Amerikanern an. Geben und nehmen: Als Dank für erwiesene Dienste darf er so viel Leder, das die Besatzer akquiriert haben, mit dem sie aber nichts mehr anfangen können, auf einen Jeep laden, wie er fasst.

Er hat ein paar Tage Zeit das Rohmaterial so auseinanderzuschneiden und zu stückeln, dass eine unglaubliche Menge Leder auf das Militärfahrzeug passt und er ein für die damaligen Umstände reicher Mann ist.

So er etwas mit den Häuten anzufangen versteht. Dinnebier weiß sich zu helfen, geht für drei Monate bei einem Schuster in die Lehre, dem er einen Teil seines Warenlagers zur Verfügung stellt, kauft sich eine Oberledermaschine und Leisten (es sind die Zeiten der Tauschwirtschaft), lernt, Felle zu gerben, und … produziert Schuhe. Solange der Vorrat reicht.

Später arbeitet er in Garmisch-Partenkirchen, auf Norderney und in der Nähe von Kassel als Mauleseltreiber, Skilehrer und, immer öfter, als Kellner, wobei ihm gewisse Erfahrungen seiner Jugend zustattenkommen, besaß doch eine seiner Großmütter, lang war’s her, eine Pension.

In Kassel und an der Nordsee treten die Kunst, Delikatessen und die Glühbirne in sein Leben. Als die Insel Norderney, eben noch brach daniederliegend, nach der Währungsreform eine neue Blüte erlebt, betreibt Johannes Dinnebier auf eigene Rechnung die Bar im Kurhaus … und tritt als Schauspieler und Sänger in der Operette „Im weißen Rössl“ auf.

Er bekommt von den Amerikanern, den damaligen Betreibern der Spielstätte, sagenhafte 72 D-Mark pro Auftritt: eine phantastische Summe, erhielten doch die Deutschen in den westlichen Besatzungszonen 40 DM einmalig als Startguthaben. „Krösus“ Dinnebier verlässt die Nordseeinsel mit Ziel Kassel.

Während er dort dabei ist, auf einem frisch erworbenen Trümmergrundstück Steine zu behauen um sie wiederzuverwenden und die Vision eines Delikatessenladens mühsam und sehr undeutlich erkennbar Formen annimmt, überreicht ihm ein Nachbar, den Dinnebiers Umtriebigkeit fasziniert, seine Visitenkarte. „Arnold Bode“ steht darauf, und es ist kein Geringerer als der Vater der „documenta“.

Dinnebiers Improvisationstalent imponierte Bode, und er brachte einen seiner Brüder dazu, den Dachstuhl und die Holzarbeiten, einen weiteren Bruder dazu, die entsprechenden Bauzeichnungen zu übernehmen. Mit Arnold Bode fährt Dinnebier später zur Weltausstellung nach Montreal.

Innerhalb kurzer Zeit steht der Laden namens „Delikato“. Viel Laufkundschaft, die Henschel-Werke sind in der Nähe, und die Lizenz, alle Krankenhäuser und Heilstätten in und um Kassel mit Lebensmitteln zu beliefern, puschen den Umsatz. Zwischenzeitlich hat er Bekanntschaft mit einem Lampenhändler im Württembergischen gemacht und in großem Stil Lampenschirme sowohl selbst hergestellt als auch in Personalunion verkauft.

Überhaupt das Verkaufen von Lampen, Ideen, Installationen. Seinen ersten größeren Auftrag erhält er in Düsseldorf, wo er ein groß angelegtes Architekturbüro beleuchtet. Die Bekanntschaft mit Architekten erweist sich als Segen, geht es doch jetzt in rascher Folge und in immer größeren Dimensionen vorwärts: Hannover-Messe, Flughäfen, Gotteshäuser. Und später immer wieder eigene Projekte wie der Lichtturm in Solingen, die Wiederentdeckung des Schlosses Lüntenbeck, Mühlen, alte Fachwerkhäuser.

Architektur, sagt er, war zeitlebens sein Hobby. Bei großen und kleinen Bauvorhaben ist er auf die Baumeister (und nicht etwa die zukünftigen Eigentümer) zugegangen und hat mit ihnen Lichtinstallationen entwickelt. Die wichtigste (Innen-) Architektin aber wurde für ihn seine Frau, die dem Gatten an Umtriebigkeit nicht nachstand und ihm zuhause und in der Firma den Rücken freihielt.

Originell sind seine unkonventionellen Lösungen. Er hat keine Angst, dass etwas nicht geht. Man könnte auch sagen: Das fordert ihn eben heraus. Und er hat keinerlei professionelle Scheuklappen. Er bringt Dinge zum Leuchten, die keine Lampen sind, in einer Zeit, als sonst niemand auf solche Ideen kommt. Er sieht Wert in Dingen, die andere wegwerfen, „was im Umgang mit ihm oft genug nervt“, wie jemand kolportiert, der ihn gut kennt. So kam er einmal mit Windrädern aus Strandgut in die „Sendung mit der Maus“.

Er entdeckt früh potenzielle Denkmäler als spektakuläre Bauten, die es lohnt zu restaurieren, zuerst Bauernhäuser, dann die Lüntenbeck und schließlich Wassertürme. Er sieht auch die geschäftlichen Chancen in Dingen, die andere als unlukrativ abtun, und hat oft damit Recht behalten.

Der Patriarch über fünf Kinder und elf Enkel ist vielseitig und beweglich. Sein Geschäft fing mit Lampenverkauf an, Großhandel und Beleuchtungsprojekte kamen bald hinzu. „Licht im Raum“ gibt es trotz des boomenden Internet-Handels auch noch nach 50 Jahren. Dann „erfand“ er die Lichtplanung: heute heißt die Firma „Dinnebier Licht“, die auch Leuchten für einzelne Bauten entwirft und baut. Daraus entstand schließlich eine eigene Serienproduktion: Die Manufaktur fertigt bis heute in Lüntenbeck.

Lichtblicke. Unermüdlich dreht er sein Rad, jettet, soweit es ihm die Umstände erlauben, um die Welt, um immer wieder ins Bergische Land zurückzukehren, liest Buch um Buch, liebt Rilke, Arthur Miller und Irene Dische, ist Ehrenmitglied im Werkbund und gern gesehen bei den Lions und ein Mensch geblieben, der mit beiden Beinen auf der Erde steht.

Das Portrait von Johannes Dinnebier ist eines von 27, die der Wuppertaler Journalist und Autor Dr. Matthias Dohmen in seinem Buch „Männer im Tal“ zusammengefasst hat. Das Buch ist für 14 € im Buchhandel und unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! erhältlich.

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