Prof. Dr. Karl-Wilhelm Weeber Prof. Dr. Karl-Wilhelm Weeber Foto: Detlef Hartlap

Prof. Karl-Wilhelm Weeber: Latein - wie lange noch?

Latein – wie lange noch? Diese Frage stellen sich mittlerweile viele Pädagogen und Akademiker. Als Botschafter altsprachlichen Unterrichts beschäftigt sich auch Professor Dr. Karl-Wilhelm Weeber mit diesem Thema.

Aus unserer Oktober-Print-Ausgabe - Wuppertal, 11.10.2018 - Latein – wie lange noch? Hoffentlich noch sehr lange, sagt Professor Dr. Karl-Wilhelm Weeber. Der frühere Direktor des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums hat sich als herausragender Botschafter des altsprachlichen Unterrichts profiliert und ist als Experte in Funk und Fernsehen ein gefragter Mann.

Zufall oder nicht, der schönen Julia passierte ein Missgeschick. Wie von selbst löste sich eine Schulterschnalle an ihrem Kleid, und dem Kaiser bot sich das Bild einer entblößten Frau. Es verschlug ihm den Atem. „Vellem, si liceret“, murmelte er verdattert, „ich würde schon wollen, wenn’s erlaubt wäre.“

Julia sprang ihm bei. „Si libet, licet“, lächelte sie warm, „wenn’s gefällt, ist es auch erlaubt.“

Zustände im alten Rom! Bei dem Kaiser handelt es sich um Caracalla, einem blutrünstigen Gesellen, der im siebten Jahr seiner Herrschaft, 217 n. Chr., von seinen eigenen Leuten hinterrücks gemeuchelt wurde. Julia aber, und das wäre der Skandal an der Geschichte, ist seine Mutter, eine weithin geachtete Frau mit Beziehungen zur höchsten Priesterschaft.

Allerdings, die Anekdote muss nicht stimmen. Sie entstammt der „Historia Augusta“, einer fragwürdigen Quelle aus spätrömischer Zeit mit ausgeprägter Neigung zu Schlüpfrigkeiten.

Professor Dr. Karl-Wilhelm Weeber (68), der frühere Direktor des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums am Loh, erzählt sie dennoch gern. Denn Julias Worte „si libet, licet“ gehören auf das weite Feld jener deutschen Redewendungen, die mehr als nur eine lateinische Vergangenheit haben. Sie sind fester Bestandteil unseres Denkens und unserer Alltagssprache geworden.

So machte „si libet, licet“ als „Erlaubt ist, was gefällt“ in den freizügigen Neunzigerjahren Karriere und wurde zu einem Leitmotiv für alberne Werbung, noch albernere Fernsehshows und neckische Einrichtungen wie Swinger Clubs, die möglicherweise dem Geist antiker Libertinage recht nahe kommen.

Die lateinische Sprache, das hat Karl-Wilhelm Weeber in erfolgreichen Büchern wie „Romdeutsch“ und „Latein, da geht noch was!“ beschrieben, wirkt im Deutschen besonders auch da fort, wo wir es gar nicht vermuten. „Wo Deutsch draufsteht“, sagt er, „ist oft Latein drin.“

Damit meint er sicher nicht das juristische Latein, das seine Herkunft wie ein Standeszeichen vor sich her trägt und in seinen einfacheren Wendungen allgemein verstanden wird. Der Delinquent ist ein Übertäter, „in dubio pro reo“ heißt im Zweifel für den Angeklagten, und dem einen oder anderen ist auch „audiatur et altera pars“ geläufig, was besagt, dass unbedingt auch die „andere Seite gehört“ werde. Ein beherzigenswerter Ratschlag in politisch überhitzten und journalistisch schweren Zeiten.

Weeber meint auch nicht das Medizinerlatein, dessen beiläufig hingemurmelte Brocken vermutlich jedem schon mal zugemutet wurden und zu Nachfragen Anlass gaben, und auch nicht die staunenswerte Vielfalt der botanischen und zoologischen Bezeichnungen auf Latein.

Nein, Karl-Wilhelm Weeber spricht von dem Arsenal bildhafter Ausdrücke, die wir gern und ohne groß nachzudenken anwenden, wenn wir etwas „auf gut Deutsch“ sagen wollen oder „Klartext“ reden. Wenn wir, zum Beispiel, die „nackte Wahrheit“ ausplaudern oder „vor Neid platzen“ könnten. Die nackte Wahrheit, „nuda veritas“, geht auf eine Ode des Dichters Horaz (65 bis 8 v. Chr.) zurück. Der begabte Spötter Martial (40 bis 104 n. Chr.) rief: „rumpatur, quisquis rumpitur invidia“ – soll doch platzen, wer immer vor Neid platzt!

Selbst der schöne Satz „Ein jeder ist seines Glückes Schmied“, irgendwo zwischen Lebensweisheit und Zynismus angesiedelt, ist nicht aus deutschem Geist erwachsen, sondern wurde schon 300 v. Chr. von einem Appius Claudius Caecus formuliert: „fabrum esse suae quemque fortunae“ – ... dass jeder der Schmied seines Glückes sei.

„Manibus pedibusque“, mit Händen und Füßen, legt der Komödiendichter Terenz (185 bis 159 v. Chr.) einem Sklaven in den Mund, wobei sich der gute Mann daraufhin mit Händen und Füßen in die Arbeit stürzt. Im Deutschen hat die Wendung eine gegenteilige und nicht ganz untypische Ausrichtung bekommen: Man wehrt sich mit Händen und Füßen, unter anderem gegen zu viel Arbeit.

Auch der große Redner und Republik-Verteidiger Cicero scheint vor 2100 Jahren seine Zweifel am Arbeitseifer der Germanen gehabt zu haben. Er lästerte: „barbarorum est in diem vivere“, Sache der Barbaren sei es, in den Tag hineinzuleben. Dabei mag er immerhin auch andere Barbaren als nur die Germanen in Betracht gezogen haben.

Die Reihe der Ausdrücke, auf die das alte Rom im Grunde genommen ein Copyright hätte, ließe sich beliebig fortschreiben. „Eile mit Weile“, „Suppe auslöffeln“, „Meine Wenigkeit“ und selbst die berühmten „Zustände wie im alten Rom“, all das hat sich die deutsche Sprache von der lateinischen erst geborgt und dann vereinnahmt, bis kaum noch jemand wusste, woher es eigentlich kam.

Die Frage ist nur: Ergibt sich aus solcherlei sprachlicher Ahnenforschung ein hinreichender Grund, das Unterrichtsfach Latein – manchem Lust, anderen ein Graus – bis in alle Ewigkeit fortzuführen?

Steht das Gymnasium nicht ohnehin unter schwerem Druck, den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden? Neue Zeiten mit neuen Notwendigkeiten drücken von allen Seiten auf die vollgestopften Lehrpläne – mehr Informatik bitteschön, mehr Ökonomie, mehr Ökologie, mehr Medienkunde, mehr Mathe besonders auch für Mädchen, und ist es nicht skandalös, wie Kunst und Musik immer stärker an den Rand gedrängt werden?

Und mitten in diesem Gedränge der Begehrlichkeiten thront die alte Königin Europas, die lateinische Sprache. Zwar steht sie nicht mehr von der 5. Klasse an auf dem Lehrplan, aber als Wahlpflichtfach findet sie nach wie vor Zuspruch – an Gymnasien und auch an Gesamtschulen. An die 800.000 Schüler in Deutschland lernen derzeit Latein.

„Ich glaube, das wird auch noch sehr lange so bleiben“, sagt Karl-Wilhelm Weeber. „Bedenken Sie bitte, dass Latein bis heute ohne nennenswerte politische Hilfe ausgekommen ist. Es gibt tatsächlich keine Partei, die den Wert des Altsprachlichen unterstützt.“

Soll heißen, Latein verfügt über eigene Stärken und Bildungswerte, die erhaben sind über die mitunter kapriziösen Achterbahnfahrten der Schulpolitik. Karl-Wilhelm Weeber hat diese Stärken an vielen Stellen ins Feld geführt, in Bildungsgremien, als Universitätsdozent, als Lehrer und Schulleiter in Wuppertal und auch im Fernsehen und im Radio. „Bei einer Call-in-Sendung im Saarländischen Rundfunk“, erzählt er, „sagte mir ein Hörer: ‚Wenn man Sie so reden hört, fragt man sich, warum nicht noch viel mehr Latein unterrichtet wird.‘‘‘

Ja, warum eigentlich nicht? „Latein macht fit“, sagt Weeber, „und zwar für Deutsch. Latein ist eine Bauernsprache. Deutsch ist wesentlich differenzierter in seinem Wortschatz.“ Da im Unterricht vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt wird, müssen die Schüler für die bisweilen gröberen lateinischen Begriffe den jeweils besten deutschen Ausdruck finden. Latein als Übung in sprachlicher Feinmotorik – sag’s treffender!

Zweitens Geschichte. In keinem anderen Fach als Latein werden die Schüler so intensiv mit der Antike und unseren vielbeschworenen abendländischen Wurzeln vertraut gemacht. „Der Geschichtsunterricht“, weiß Weeber, „kann das nicht leisten. Er kann wohl vereinzelte Kompetenzfelder erschließen, aber vieles leider auch nur antippen.“ Der Lateinunterricht vermittelt dagegen jede Menge Kenntnis über die Zivilisation der Römer und die kulturellen Leistungen der Griechen, welche sich die Römer zu eigen machten. Weeber: „In dieser Hinsicht ist Latein konkurrenzlos.“

Überdies ist Latein der Schlüssel zu einer Sprachwelt von mehr als zwei Milliarden Menschen, womit nicht nur die romanischen Länder Europas (Italien, Frankreich, Spanien, Portugal und Rumänien) gemeint sind, nicht nur Lateinamerika, sondern vor allem auch das Englische. Nach der Invasion der Normannen im Jahr 1066 machte sich Französisch in England breit, was entscheidend dazu beitrug, dass die lingua franca unserer Tage zu etwa 50 Prozent von der alten lingua franca, dem Lateinischen, geprägt wurde.

So gilt fürs Englische das Gleiche wie fürs Deutsche: Wo Englisch draufsteht, ist oft Latein drin.

Text: Detlef Hartlap

 

Empfehlenswerte Bücher von Karl-Wilhelm Weeber:

„Latein – da geht noch was!“ – Rückenwind für Caesar & Co (Theiss Verlag)

„Rom-Deutsch“ – Warum wir alle Lateinisch reden, ohne es zu wissen (Die Andere Bibliothek)

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