Eine römische Latrinen-Anlage. Prof. Karl-Wilhelm Weeber (r.) beschäftigt sich intensiv mit dem Alltagsleben in der Antike Eine römische Latrinen-Anlage. Prof. Karl-Wilhelm Weeber (r.) beschäftigt sich intensiv mit dem Alltagsleben in der Antike Foto: privat

Römische Latrinen waren besser als ihr Ruf

Römische Latrinen waren besser als ihr Ruf! Zu diesem Urteil kommt der Wuppertaler Historiker Prof. Dr. Karl-Wilhelm Weeber und widerspricht damit einem britischem Anthropologen.

Wuppertal, 27.07.2019 - Waren die römischen Latrinen Dreck- und Keimschleudern oder Wellness-Tempel? Der britische Anthropologe Piers Mitchell (University of Cambridge) vertritt jedenfalls die Meinung, dass die Keimbelastung vor der Zeit der Latrinen, die als Meilenstein in Sachen Hygiene galten, wesentlich geringer war. Der Wuppertaler Historiker und Philologe Prof. Karl-Wilhelm Weeber, Dozent an der Bergischen Univerität, hält diese Behauptung für eine „steile These“.

„Die römischen Latrinen waren ein Fortschritt in der Zivilisation. Wer in einer Kloake wühlt, wird zwangsläufig auf Keime stoßen. In dem viel rezipierten Artikel fehlen die quantitativen Aussagen. Er beschreibt, wo sich überall Parasiten finden, aber nichts über die Häufigkeit. Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass in römischer Zeit die Belastung durch Parasiten zugenommen hat, ist mehr als dubios. “

Professor Karl-Wilhelm Weeber hat den Verdacht: Piers Mitchell, der selbst kein Altertumsforscher sei, wolle Rom entzaubern. Es gab im alten Rom Plumpsklos, aber auch sehr luxuriöse Örtlichkeiten wie die römische Prachtlatrine.

Prof. Weeber: „Diese war schöner als die heutigen Toiletten und mit Marmor ausgestaltet. Der Betrachter sah Statuen und schöne Fresken. Der Ort des Defäkierens wurde nobilitiert. Ein interessantes, soziologisches Problem. Es war peinlich genug für einen Angehörigen der Oberschicht, dass er überhaupt aufs Klo musste. Man traf sich zu einer bestimmten Zeit, um gemeinsam auf die Toilette zu gehen. Trennwände gab es nicht, man konnte sich unterhalten. In Ephesos gab es zum Beispiel eine römische Prachtlatrine mit zugewiesenen Sitzen. Es gab aber auch Gruben, die man nach einer gewissen Zeit ausheben musste. Dass das nicht hygienisch war, leuchtet unmittelbar ein.“

Auch habe man mit menschlichen Fäkalien gedüngt, was unter Umständen nicht der Gesundheit förderlich ist. Dass das Garum, eine beliebte römische Fischsoße, für den Fischbandwurm auf antiken Latrinen verantwortlich ist, ist eine denkbare, aber dennoch nicht nachgewiesene Erklärung. „Überall wo Römer Zivilisation geprägt haben, war auch das Garum mit dabei. Fische, meistens Makrelen oder Thunfisch, hat man in die Sonne gelegt und den Fermentierungsprozess abgewartet. Es muss währenddessen sehr gestunken haben. Wenn die Spezialität fertig war, schien der olfaktorische Killerfaktor geringer zu sein.“

Als „Jauche verfaulender Fische“ bezeichnete der Philosoph Seneca einst das Produkt. „Das Problem war das fehlende Kochen. Man hat die Soße über alles geschüttet, auch über den Nachtisch. Das war ein Universalgewürz, das man geschmacklich wie Flüssigsalz mit Fischgeschmack einordnen kann. Ohne den Kochvorgang kann man sich einen Bandwurm holen. Man kann, belegt ist es aber nicht.“ Und so ist die römische Latrine besser als ihr Ruf.

Text: Mirja Dahlmann

 

Über Prof. Dr. Karl-Wilhelm Weeber

Karl-Wilhelm Weeber wurde am 13. Mai 1950 in Witten geboren. Er ist ein klassischer Philologe und Althistoriker.

Weeber studierte Klassische Philologie, Geschichte, Etruskologie und Archäologie an der Universität Bochum und in Rom. Im Jahre 1977 promovierte er mit einer Arbeit über das vierte Buch des römischen Dichters Properz. Danach ging er in den Schuldienst und war bis zum 31.10.2010 Oberstudiendirektor des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums Wuppertal.

Zudem ist er Lehrbeauftragter für die Didaktik der Alten Sprachen an der Universität Bochum und Honorarprofessor für Alte Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal.

Prof. Weeber konzentriert sich in seiner Arbeit vor allem auf die Kulturgeschichte der Antike. Er versucht den Lesern seiner Bücher die Originaltexte der griechisch-römischen Antike im populärwissenschaftlichen Sinne allgemeinverständlich näher zu bringen. Karl-Friedrich Weeber analysiert auch moderne Begriffe und aktuelle Themen im Bezug auf die Antike, wie z. B. Umweltschutz (Smog über Attika. Umweltverhalten im Altertum) und Sportethik (Die unheiligen Spiele. Das antike Olympia zwischen Legende und Wirklichkeit).

Sein Nachschlagewerk "Alltag im alten Rom" ist ein bekanntes und beliebtes Lexikon zum antiken Alltagsleben.

Einem breiteren Publikum ist Dr. Karl-Wilhelm Weeber durch seine Fernsehauftritte bekannt. So assistierte er Moderator Matthias Opdenhövel in der ARD-Show "Brot und Spiele" als Römer-Experte und gab Einblicke in den Alltag und die Lebenskultur vor 2000 Jahren.

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