Verrichten tagtäglich wertvolle Arbeit: Sandra Kalthoff (l.) und Kersting Wülfing Verrichten tagtäglich wertvolle Arbeit: Sandra Kalthoff (l.) und Kersting Wülfing Foto: Monika Asmus

Ein Leben mit Tod und Trauer

Die Mitarbeiterinnen des Kinderhospiz´ Burgholz müssen mit Tod und Trauer umgehen können, doch ein Grundrezept kennen auch sie nicht.

Wuppertal, 05.04.2019 - Schon von weitem schallen Lachen und Kindergeschrei durch den Wald. Zwar kommt das Lachen gerade eher aus dem Spielareal des benachbarten Kindergartens, doch auch im Kinder- und Jugendhospiz Burgholz wird gelacht und gespielt – nur eben etwas leiser.

Sandra Kalthoff sitzt unter einem Sonnenschirm auf der Terrasse. Neben ihr ruht sich ein Junge gerade in seinem Rollstuhl aus. Sie hält seine Hand und beginnt zu erzählen: „Wie genau ich hier hergekommen bin, weiß ich gar nicht. Aber ich wollte schon immer in einem Kinderhospiz arbeiten.“

Bevor sie ins Kinderhospiz Burgholz kam, arbeitete die 30-jährige Kinderkrankenschwester auf der Kinderintensivstation. „In Akutkliniken hat man wenig Zeit für die Kinder. Es geht darum, ein Leben zu erhalten, hier darf man die Kinder gehen lassen, und das in aller Ruhe“, berichtet sie.

Es ist ihr ein besonderes Anliegen, die Eltern in der Pflege ihrer Kinder zu entlasten und den Kindern noch etwas Gutes zu tun, ihnen ein paar schöne Momente zu bescheren. „Nach der Arbeit in der Akutklinik ging ich oft nach Hause und hatte das Gefühl, mir fehlt etwas. Hier habe ich das nicht“, sagt sie. 

Sandra Kalthoff lacht viel, und ihr Gesicht strahlt. Es ist ihr nicht anzusehen, dass sie in ihrem Beruf häufig mit Trauer und Tod konfrontiert wird. Trotzdem gehört die Gewissheit, dass die Kinder des Hospiz´ irgendwann nicht mehr auf dieser Erde weilen, zur ihrer Arbeit einfach dazu.

„Tränen sind für mich Teil eines Abschieds. Ich trauere mit den Angehörigen und weine auch mit ihnen“, sagt Sandra Kalthoff. Kerstin Wülfing, Geschäftsführerin der Stiftung Burgholz, ergänzt: „Wir sind hier ja auch ein Team, wir helfen einander, trauern gemeinsam. Trotzdem dürfen wir am Ende des Tages nicht trauriger sein als die Eltern.“ Und das fällt nicht immer leicht.

Einen großen Teil der Arbeit umfasst nicht nur die Betreuung der Kinder, sondern auch die Auseinandersetzung mit den Eltern. Die Mitarbeiter des Hospiz‘ müssen sowohl die Wut als auch die Trauer der Angehörigen auffangen und arbeiten mit ihnen gemeinsam an dem Zusammenspiel zwischen Eltern und Kind. Seelsorger und Trauerbegleiter unterstützen die Eltern, aber auch das Team der Hospiz-Mitarbeiter.

Rund 30 Personen arbeiten im Hospiz, darunter Krankenschwestern, Pädagogen, Seelsorger und Hauswirtschaftler. Gerade in den Sommerferien ist der Andrang groß, da viele Familien mit ihren Kindern und deren Geschwistern in den Ferien ein paar erholsame Tage im Kinderhospiz verbringen möchten.

In den Ferien wird der Aufenthalt deshalb auf maximal zwei Wochen begrenzt. 28 Tage Aufenthalt im Jahr werden von der Krankenkasse übernommen. Tritt jedoch eine Krise ein, greift eine andere gesetzliche Regelung und es wird keine Aufenthaltsbegrenzung gesetzt. Kinder können bis zu ihrem 27. Lebensjahr einige Wochen im Hospiz Burgholz verbringen. „Zur Zeit haben wir allerdings viele kleine Kinder hier, da findet dann auch mal ein Bobbycar-Rennen oder Pony-Reiten bei uns statt“, erzählt Kerstin Wülfing.

Das Leben im Hospiz ist entschleunigt, vermittelt Ruhe. Die Mitarbeiter können häufig beobachten, wie den Eltern sozusagen regelrecht ein Stein vom Herzen fällt, eine Last abgenommen wird, sobald sie das helle Gebäude betreten.

Müssen sich die Eltern während des Aufenthaltes von ihrem Kind verabschieden, stehen ihnen besondere Räume zur Verfügung, in denen sie bis zu sieben Tage lang Trauern dürfen. In diesen Räumen herrscht eine besondere Atmosphäre. Ganz in Weiß- und hellen Grautönen gehalten, sind sie bewusst anders gestaltet als der Rest des Hospiz‘.

An den Wänden stehen Wörter wie ‚danken‘ und ‚lassen‘, und Lebenslinien ziehen sich entlang der Wände bis zu dem Bett, wo das verstorbene Kind aufgebahrt wird. „Viele Eltern brauchen Ruhe, um den Tod zu verarbeiten, andere möchten sofort etwas basteln und sich beschäftigen.

Und auch wir haben unsere Rituale“, erzählt Kerstin Wülfing. Sobald ein Kind verstirbt, wird am Eingang eine Kerze entzündet und jeder Mitarbeiter erhält die Möglichkeit, sich zu verabschieden. „Anschließend setzen wir uns alle zusammen, um im Team die Trauer zu bewältigen.“

Auch wenn die Hospiz-Mitarbeiter häufiger mit Trauer konfrontiert werden, müssen sie für sich jedes Mal einen neuen Weg finden, die Trauer zu überwinden. „Ein Grundrezept gibt es nicht“, erklärt Sandra Kalthoff. „Jedes Kind und jede Familie ist anders. Auf jede Situation muss ich mich neu einlassen.“

Geht einem die Situation einmal doch zu nah oder kämpft man mit privaten Problemen, können die Pflegerinnen die Betreuung des Kindes für einen Tag an eine andere Mitarbeiterin abgeben. „Wir bauen Nähe auf, aber wir dürfen uns nicht allzu nah an ein Kind binden“, erklärt Kerstin Wülfing.

Damit ihr Beruf sie nicht zu sehr in ihrer Freizeit beschäftigt, treibt Sandra Kalthoff viel Sport und trifft sich mit Freunden. „Jeder muss seinen eigenen Weg finden, den Beruf nicht allzu sehr mit ins Private zu nehmen“, sagt sie und streicht über die Hand des Jungen im Rollstuhl. (hf)

 

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