Verstehen sich prächtig: Fabian (l.) und Yvonne Verstehen sich prächtig: Fabian (l.) und Yvonne Dirk Sengotta

Im Kinderheim zu Hause

Ihr erster Einsatz als Schülerreporterin: Charlotte begleitet einen Tag lang Fabian, Yvonne, Nick und all die anderen Kinder des katholischen Kinderhauses St. Michael.

Kinderheime kenne ich bislang nur aus Filmen. Da haben sie fast immer den Charme einer Haftanstalt. Die Räume grau und dunkel, das Mobiliar karg wie in einem Kloster. Die Erzieher sind unfreundlich, megastreng und scheinen nie zu lachen. Und jetzt stehe ich vor dem ‚Haus Magdalena', eine von fünf Wohngruppen des Kinderhauses St. Michael. Und ich kann mit einem Blick alle meine Vorurteile gleich „in die Tonne hauen". Ich sehe ein helles, freundliches Gebäude, das aussieht, wie ein modernes Einfamilienhaus mit großem Garten. Ich drücke auf die Klingel. Sekunden später schaue ich in ein freundlich lächelndes Gesicht: „Hallo, Du bist sicher die Charlotte. Ich bin der Thomas, einer der Betreuer. Übrigens duzen wir uns hier alle!" Irgendwie fühle ich mich sofort zuhause.

Ich stehe jetzt im Flur. Nirgends ist ein Kind zu sehen. Kristin Reith, Leiterin der Wohngruppe, in der acht Kinder und Jugendliche leben, kommt die Treppe herunter und begrüßt mich herzlich. Sie nimmt mich mit nach oben in einen Raum, in dem ein großer Tisch steht. Hier sitzen acht Kinder und machen ihre Hausarbeiten. Mittendrin mit Augenklappe und ein paar fehlenden Schneidezähnen, der niedliche Fabian, der unglaubliche Vitalität und Lebensfreude versprüht. Ich werde sofort eingespannt und helfe Nick und Piet bei Mathe.

Kristin Reith bittet mich jetzt, mit Nick zum Friseur zu gehen und auf dem Rückweg ein Brot mitzubringen. Sie erklärt mir, dass ich sowohl vom Friseur, als auch von der Bäckerei Quittungen mitbringen soll, damit alles ordnungsgemäss verbucht werden kann. Auf dem Weg zum Friseur erzählt mir Nick, dass er sechs Jahre alt ist, ein begeisterter Fan von Borussia Dortmund sei und – wen wundert es – später einmal selbst Fussballer werden will. Ohne dass ich ihn frage, gesteht er mir mit strahlenden Augen, dass er sich in dem Kinderhaus sehr wohl fühle, zumal dort auch seine Schwester Julia (9) wohne. Beim Friseur ist der sonst so redselige Nick dann aber eher kleinlaut. Er hat Angst, dass ihm die Friseurin die Ohren abschneidet. Er bittet mich, für ihn einen passenden Haarschnitt auszusuchen. Mit neuer Frisur und mit beiden Ohren verlässt Nick den Friseursalon. Wir kaufen noch das Brot und dann geht's zurück ins Kinderhaus.

Jetzt schlägt mir Kristin Reith vor, mit Nick zum „Menschenhaus" (Jugendzentrum) zu gehen. Da ist heute Sport-Tag.Genau das richtige für Fussballer Nick. Auch die anderen Bewohner sind da und toben nach Lust und Laune herum. Im „Menschenhaus" lerne ich auch die drei Mädels der Wohngruppe näher kennen: Gloria (11), Julia (9) und die gleichaltrige Yvonne. Die drei sind eng befreundet, wohnen ebenfalls gern im Haus Magdalena und vermissen eigentlich nichts. Jetzt bringe ich meinen Nick noch zum Fussball-Training beim SC Uellendahl.

Im Haus Magdalena fühlen sich die Kinder wohl

Zurück im Kinderhaus treffe ich auf Piet. Der kleine Kavalier zeigt mir jetzt das ganze Haus. Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer. Nur die beiden Freundinnen Julia und Yvonne teilen sich einen Raum. In jedem Zimmer steht ein großer Kleiderschrank – der gleiche übrigens, den ich auch zuhause habe; er stammt von einem bekannten schwedischen Möbelhaus.
Außerdem gibt es da einen Schreibtisch und ein modernes Bett. Trotzdem besitzt jedes Zimmer seinen eigenen Charme, schon allein wegen der kleinen persönlichen Dinge, die jeder einzelne Bewohner von „zuhause" mitgebracht hat. Bis auf Nick & Fabian – die beiden Jüngsten – sind alle stolzer Besitzer eines Smartphones.

Und natürlich gibt es in der Wohngruppe Magdalena auch Computer – und selbstverständlich spielen Yvonne, Piet & Co – eben wie wir Kinder heute – gerne am PC. Aber hier gibt es ganz klare Regeln. Die beiden Computer stehen im sogenannten Spielzimmer im Keller, in dem es auch einen Kicker gibt. Der Raum ist in der Regel abgeschlossen. Nur die Betreuer haben einen Schlüssel. Und die achten ganz genau darauf, dass die Kids nicht zu lange am PC verbringen. Aber auch ohne Computer und „WLan" kann man im Kinderhaus St. Michael offensichtlich glücklich sein. Diesen Eindruck vermitteln hier alle Wohngruppenmitglieder. Und selbst das absolute Süßigkeiten-Verbot in der Fastenzeit nehmen sie ohne Murren hin.

Nach der Hausbesichtigung helfe ich Piet beim Tischdecken fürs Abendessen. Jedes Kind hat einmal die Woche Küchendienst. Wenig später sitzen wir alle gemeinsam am Tisch und sprechen ein Tischgebet. Das ist – wie ich zugeben muss – ein wenig ungewohnt für mich, schliesslich bin ich evangelisch. Es gibt Mett-Brötchen, da heute – wie ich gelernt habe – „Mettwoch" ist. Anschließend bringe ich die beiden Youngster Nick und Fabian ins Bett und lese ihnen noch eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Für mich endet jetzt ein interessanter, erlebnisreicher, wunderschöner Tag. Ich verlasse das Kinderhaus St. Michael mit dem guten Gefühl, dass die Jungen und Mädchen bei Kristin Reith und ihrem Team in allerbesten Händen sind und hier ein echtes Zuhause haben. Alle Kinder bitten mich mit leuchtenden Augen, doch wiederzukommen.
Und ich kann versprechen: Ich werde meine neuen Freunde regelmässig besuchen!!!

Charlotte Schwenteck

www.khsm.de

Charlotte wird regelmäßig für „Die Stadtzeitung"als Schüler-Reporterin in Wuppertal unterwegs sein und aus ihrem ganz speziellen Blickwinkel als wissbegierige, engagierte Jugendliche berichten. Sie besucht soziale und kulturelle Einrichtungen, schaut hinter die Kulissen der Bergischen Universität und der Junior Uni und nimmt auch das Freizeit-Angebot für Kinder und Jugendliche im Tal unter die Lupe.

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