Peter W. an seinem Stammplatz in der Hofaue Peter W. an seinem Stammplatz in der Hofaue Foto: Siegfried Jähne

Peter W. auf den Spuren von Husch Husch

Ein Leben auf der Straße: „Ich mag nicht heucheln“ - Wie einst „Husch Husch“, Peter W. auf dem Weg zum Wuppertaler Original…?

Aus unserer Oktober-Print-Ausgabe - Wuppertal, 08.10.2018 - Dieser Mann hat das Zeug, ein Wuppertaler Original zu werden. Sein Äußeres erinnert jedenfalls an den Mann, den man hier einst „Husch Husch“ nannte und dem man am Barmer Werth ein in Bronze gegossenes Denkmal setzte. Ähnlich „Husch Husch“, lässt er sich mit seinem bürgerlichem Namen „Peter“ rufen, Peter W. Man trifft ihn täglich auf einer Mauer, an einer Hauswand sitzend, gegenüber dem Eingang der City Arkaden an der Hofaue.

Auch wenn er nicht alle Attribute von „Husch Husch“ alias Peter Held hat, so drängen sich doch einige Ähnlichkeiten geradezu auf. Held wurde 2. August 1886 geboren und war in den 1920er und 1930er Jahren in Barmen als Hausierer unterwegs, unter anderem auf dem Barmer Werth. Von Kindern wurde die bärtige Legende verächtlich “Husch-Husch” gerufen.

Anders als damals „Husch Husch“ wird Peter W. heute keineswegs von Kindern gehänselt. In unserer Stadt mit 564 Obdach- oder Wohnungslosen gehören Menschen wie er bereits zum gewohnten Stadtbild. Peter W. hat zwar eine kleine Wohnung, aber keinen Strom. Den haben ihm die Stadtwerke abgedreht, weil er die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte.

Zur seiner Realität gehört es, dass er entweder völlig ignoriert oder aber von hilfsbereiten Menschen angesprochen wird. Die einen geben ihm, auch ohne dass er betteln müsste, ein wenig Geld, die anderen bieten eine Mahlzeit oder Bekleidungen an, auch ein Sitzkissen war schon dabei. Unlängst luden ihn zwei spendierfreudige Damen ein, sie in ein benachbartes Gotteshaus zu einer Predigt zu begleiten. Doch an der Stelle blockt Peter W. dann ab: „Ich mag nicht heucheln“, sagte er.

Was aber ist das Motiv, dass er jeden Tag, den Gott geschaffen hat, an der gleichen Stelle tatsächlich zwölf Stunden lang ausharrt? „Ich will nicht zuhause allein sein“, sagt er. Hier aber treffe er Menschen, mit denen er reden könne, mit Kollegen, wie er sie nennt. Und zu mir gewandt fügt er hinzu „auch Leute wie dich, die mit mir reden…“. Hier wolle er dann auch bleiben und nicht, wie andere, zum Hauptbahnhof umziehen.

Ob er glücklich wäre, wollte ich wissen? Die Antwort ein klares „Jein“. Und was würde sein Glück perfekt machen? „Wenn die Stadtwerke mir meinen Strom wieder einschalten würden!“ Auch schlimm für ihn, dass er gerade seine Papiere verloren habe und jetzt nicht an sein Geld komme, aber sein Kumpel würde ihm gleich helfen, die Formalitäten zu klären. „Ich verliere immer alles“, gesteht er sich ein, auch, dass er Alkoholiker sei. Letzteres, ohnehin erkennbar an den neben ihm aufgereihten leeren kleinen Flaschen „Kleiner Feigling“ (20prozentiger Likör). Früher haben er meistens den Jägermeister (35 Prozent) bevorzugt, was einen Unterschied ausmache.

Das alles war nicht immer so. Peter W. war zweimal verheiratet und hat zwei inzwischen erwachsene Kinder. Der Sohn (38) sei Informatiker, die in Düsseldorf lebende Tochter (28) Erzieherin; zu ihr gebe es noch einen losen Kontakt, zum Sohn sei der abgerissen. Seine beiden Ehen seien daran gescheitert, dass die Frauen ihn immer herumkommandieren wollten, darauf habe er keinen Bock mehr gehabt.

Seine letzte Beschäftigung liege schon ein paar Tage zurück. Er war Küchenhelfer an der Bergischen Universität und danach „Arbeitssuchender“. Gescheitert sei er an der „Sauferei“. Gelernt hatte der in Erlangen aufgewachsene Peter W. „Kleinkraftmechaniker“, ehe er sich als Lagerarbeiter durchschlug. Seine berufliche und räumliche Nähe zum Modelleisenbahnbau in Nürnberg (Firma Märklin) führte zu einer bis heute bestehenden Spielzeugaffinität, Minitrix und Matchbox sind seine Favoriten. Das Hobby „Fahrradfahren“ scheitert an aktuellen Gehproblemen, aber die nach einer Operation notwendigen Krücken sei er bald wieder los

Peter W. formuliert noch erstaunlich gut, wenn auch teilweise rauchend und hustend. Er ist kein Hausierer wie einst „Husch Husch“, sondern lebt von Harz IV. Erst in den letzten Tagen feierte er seinen 65. Geburtstag, und zwar mit Gleichgesinnten auf jener Mauer, an der beschrieben Hauswand der Straße Hofaue. „Groß feiern konnte ich natürlich nicht“, sagt er in einer gewissen Selbstverständlichkeit. Wenn er demnächst die Rente „durch“ habe, wolle er erst mal eine schöne Reise machen, ins Ausland. Davon träumt er.

Text: Siegfried Jähne

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