Ferhard Battal und Renate Szymczyk im Gespräch Ferhard Battal und Renate Szymczyk im Gespräch Foto: Judith Kulinna

Refugees Welcome!

Die Willkommenskultur in Wuppertal ist groß: Zahlreiche Initiativen und Projekte helfen Wuppertaler Flüchtlingen, sich im Bergischen Land einzuleben. 

Morgens um halb 10 klingelt das Telefon im Ressort für Migration und Flüchtlinge in Wuppertal. Amtshilfe-Anweisung vom Land NRW: „Heute Abend kommt ein Bus mit 150 Flüchtlingen, die müsst ihr irgendwie unterbringen.“ Was wie ein logistischer Notfall klingt, ist mittlerweile kein Einzelfall mehr: Ganz spontan müssen Städte und Kommunen binnen weniger Stunden über hundert Flüchtlinge unterbringen. Wuppertal wurde mit dieser Situation nun bereits zwei Mal konfrontiert – und hat sie gemeistert. Kurzfristig wurden 35 Bewohner der Flüchtlingsunterkunft Yorckstraße in neu angemieteten Wohnungen untergebracht und die Kapazität der Flüchtlingsunterkunft von 110 auf 150 Plätze angehoben. Ebenfalls praktisch über Nacht finden 300 Flüchtlinge im Schulzentrum Süd eine neue Unterkunft. 

Zum Schutz werden nicht alle Standorte der Unterkünfte verraten

„Eigentlich gibt es in Wuppertal keine Erstaufnahmeeinrichtung“, erklärt Christine Roddewig-Oudnia. Die Erstaufnahmeeinrichtungen für NRW befinden sich unter anderem in Dortmund und Düsseldorf – aber diese sind oftmals überfüllt. Eigentlich wollte die Stadt Flüchtlinge nicht in Wohnheimen und Sammelunterkünften unterbringen. „Ziel war es immer, ausreichend private Wohnungen zur Verfügung zu stellen“ sagt Roddewig-Oudnia. Doch aufgrund der hohen Zahlen existieren mittlerweile einige Übergangswohnheime in Wuppertal und eine Notunterkunft im Schulzentrum Süd. Zum Schutz der Flüchtlinge werden aber weder Anzahl noch Ort der Unterkünfte verraten. Ansonsten drohen sie zu einer Art Wallfahrtsort für Asylgegner zu werden.

Momentan gibt es etwa 3.500 Flüchtlinge in Wuppertal, die sich in einem Betreuungsverhältnis zur Stadt befinden und weitere rund 500 Flüchtlinge, die bei ihren Familien untergekommen sind. „Diese Zahlen beruhen allerdings nur auf Schätzungen. Die Zeit reicht momentan kaum aus, um verlässliche Statistiken zu führen“, betont Christine Roddewig-Oudnia.

Für anerkannte Flüchtlinge gibt es seit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 mittlerweile obligatorische Sprachkurse: „Das ist ein großer Fortschritt. Alle die kommen, wollen als allererstes Deutsch lernen“, sagt Roddewig-Oudnia. Aber auch sogenannte Gedultete möchten sich auf Deutsch verständigen können. Um dieser großen Nachfrage gerecht zu werden, haben sich zahlreiche ehrenamtliche Initiativen gegründet, die neben Freizeitgestaltung oder Hilfe bei Behördengängen auch Sprachkurse für Flüchtlinge anbieten.

Zahlreiche Projekte organisieren Sprachkurse oder Betreuungsangebote

Initiativen wie „welcome to wuppertal“ (w2wtal), der Verein „In unserer Mitte“, die „Flüchtlingshilfe Wuppertal West“ oder die „Aktion Neue Nachbarn“ unterstützen Wuppertaler Flüchtlinge bei der Integration in eine neue Kultur. Auch die Bergische Universität Wuppertal beteiligt sich an der Flüchtlingsarbeit. Gemeinsam mit dem Verein „In unserer Mitte“ hat das das Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit (TransZent) der Uni Wuppertal ein Sprachförderungs-Projekt auf die Beine gestellt.

Die beiden Studentinnen Corinna Krämer und Katharina Schäffler leiten einmal in der Woche einen Deutschkurs im Kurdischen Frauenverein in der Elberfelder Straße. Hier sitzen Flüchtlinge, die höchstens Bruchstücke der deutschen Sprache beherrschen. „Wir fangen hier bei null an und das ist nicht immer einfach“, erklärt Corinna Krämer. „Wir möchten zunächst den Wortschatz der Lernenden erweitern, um eine gemeinsame Basis zu schaffen. Dann erst können wir uns auf die Grammatik konzentrieren“, fügt die 23-Jährige Studentin hinzu.

Für Miriam Venn vom TransZent, Koordinatorin des Projekts Sprachförderung, sind die Deutschkurse eine Herzensangelegenheit. „Flüchtlinge haben zunächst keinen Anspruch auf einen Sprachkurs“, erzählt sie. „Deshalb ist es wichtig, diesen Menschen eine Möglichkeit zu geben, kostenlos Deutsch zu lernen.“ Das Angebot des Projektes wächst. „Zurzeit haben wir sechs Gruppen. Vier davon treffen sich im Kurdischen Frauenverein, dann gibt es noch einen in den Räumen von Amnesty International und in der Börse. Wir planen aber weitere Kurse.“

Flüchtlinge erhalten die Möglichkeit, als Gasthörer die Uni zu besuchen

Die Sprachförderung ist Teil eines großen Ehrenamtsprojekts der Universität und des Vereins „In unserer Mitte“. Bei einer Auftaktveranstaltung am 23. Juni konnten sich interessierte Studierende für ehrenamtliche Tätigkeiten mit Flüchtlingen in verschiedenen Teilprojekten eintragen. Die Veranstaltung wurde von den Studierenden gut angenommen und nun sind die ersten Teilprojekte in verschiedenen Bereichen angelaufen: Kunst und Kultur, Sport, Freizeit und Sprachförderung. Daneben werden in diesem Wintersemester Flüchtlinge mit akademischem Hintergrund die Möglichkeit haben, als Gasthörer Kurse an der Uni zu besuchen.

Auch Corinna Krämer und Katharina Schäffler sind über die Veranstaltung im Juni auf das Projekt Sprachförderung aufmerksam geworden. Zwei Stunden die Woche bringen sie den Flüchtlingen im Kurdischen Frauenverein seitdem Deutsch bei. „Die Leute hier sind total freundlich und zeigen sich sehr dankbar. Außerdem haben sie eine gute Auffassungsgabe. Gerade die Kinder lernen unglaublich schnell“, freut sich Corinna. Zurzeit wird über einen Extra-Kurs für Kinder nachgedacht.

Perwin Ibrahim macht der Unterricht Spaß. „Mein Deutsch ist nicht so gut, es wird aber besser“, sagt sie hoffnungsvoll. Ihre Tochter erklärt ihr geduldig, wie Uhrzeiten auf Deutsch funktionieren.
Auf einmal steht Miriam Venn im Raum. „Kommt mal alle mit runter, ich habe etwas für euch.“ Aus ihrem Auto vor der Haustür holt sie Schnellhefter, Blöcke und Stifte. „Alles Spenden!“ freut sie sich.

Auch die „Aktion Neue Nachbarn“ des Caritasverbands Wuppertal/Solingen e.V. setzt sich in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerks für die Integration von Flüchtlingen in Wuppertal ein. Gemeinsam möchten sie Flüchtlingsengagement, Ehrenamt, Hauptamt und Qualifizierung miteinander verbinden. Für Ehrenamtliche wird durch das Projekt eine Anlaufstelle geschaffen, zusätzlich qualifiziert das Bildungswerk interessierte Ehrenamtliche kostenlos mit einem umfangreichen Angebot an Seminaren rund um Flüchtlingshilfe.

"Das Interesse zu helfen ist hier wirklich sehr groß."

„Einführung in das Ehrenamt im Bereich Flüchtlinge“, „Formularhilfe“, „Umgang mit Traumatisierung“ oder „Wohnungssuche“ – das sind Seminar-Themen, zu denen sich Ehrenamtliche vom Katholischen Bildungswerk schulen lassen können. „Alle Kurse sind kostenfrei und für jeden offen, der entweder in einer Organisation oder selbstorganisiert ehrenamtlich tätig ist“, erklärt André Gerth, Leiter des Katholischen Bildungswerks Wuppertal/Solingen/Remscheid.

„Das Interesse, zu helfen, ist hier wirklich sehr groß“, sagt Dominika Posor-Punturo, eine der Projektleiterinnen der „Aktion Neue Nachbarn“. „Seit Anfang dieses Jahres haben sich rund 80 Ehrenamtliche bei uns gemeldet. Dazu kommen die Helfer in den Kirchengemeinden.“

Eine dieser Ehrenamtlichen ist Karin Spickhoff. Seit Februar dieses Jahres betreut sie einen 52-jährigen Syrer und dessen 18-jährigen Sohn. Die beiden haben einen langen, beschwerlichen Weg hinter sich. „Sie sind über Griechenland gekommen, Mazedonien und Ungarn. Es besteht immer noch die Gefahr, dass sie dorthin abgeschoben werden“, berichtet Karin Spickhoff. Zurzeit wohnen sie noch im Flüchtlingsheim in Klingenholl. Die Sorge um das Schicksal der beiden steht Karin Spickhoff ins Gesicht geschrieben. Versuche, den Jungen in der Schule unterzubringen, scheiterten an fehlenden Sprachkenntnissen. „Zu Beginn konnten wir uns nur mit ein paar Brocken Englisch und mit Händen und Füßen verständigen“, erinnert sie sich. Mittlerweile besuchen die beiden mehrmals die Woche einen Deutschkurs. „Bald wollen sie für mich arabisch kochen. Das ist ihre Art, etwas zurückzugeben“, sagt sie.

Auch Karolin Kappler engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Jeden Freitagmorgen ist sie in der Sprach- und Spielewerkstatt in den Räumlichkeiten des Internationalen Begegnungszentrums in der Hünefeldstraße zu finden. „Kinder müssen spielen können. Das Spiel erleichtert ihnen den Einstieg in eine fremde Sprache,“ erklärt Karolin Kappler. Oft kommen die Kinder zusammen mit ihren Familien in die Hünefeldstraße. Während die Kinder spielen, lassen sich die Eltern beraten: Wie bekomme ich einen Kindergartenplatz? Woher nehme ich Gummistiefel für mein Kind? Es sind oft grundlegende Dinge, die fehlen und bei denen die Eltern Unterstützung brauchen. „Wichtig ist, dass wir den Menschen auf Augenhöhe begegnen“, sagt Dominika Posor-Punturo mit Nachdruck.

Im TEESalon können unverfänglich Kontakte geknüpft werden

Wuppertaler, die sich engagieren möchten haben die Möglichkeit, beim TEESalon in den Räumen des Internationalen Begegnungszentrums ganz unverfänglich erste Kontakte zu knüpfen.
Im silberglänzenden Samowar kocht aromatisierter Schwarztee, auf den Tischen stehen selbstgebackene Plätzchen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Ferhard Battal, selbst Flüchtling und seit einem Jahr und acht Monaten in Deutschland. Mittlerweile spricht er sehr gut Deutsch und hilft jeden Dienstag ehrenamtlich als Dolmetscher.

Ferhard Battal übersetzt: „Die Männer haben das Gefühl, die Vermieter hier wollen ihnen keine Wohnungen geben, wenn sie sehen, dass die Miete vom Jobcenter bezahlt wird.“
Renate Szymczyk weiß, dass viele Vermieter sofort auflegen, wenn sie eine Stimme hören, die nur gebrochen Deutsch spricht. „Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Ehrenamtliche die Flüchtlinge bei der Wohnungssuche unterstützen.“

In diesem Moment kommt eine Mitarbeiterin der Caritas in die Cafeteria. „Ich habe gute Nachrichten: Deutschland hebt das Dublin-Verfahren für syrische Flüchtlinge auf“, sagt sie.
Ferhard Battal übersetzt und sofort hebt sich die Lautstärke im TEESalon. Die Aufhebung des Dublin-Abkommens ist für die syrischen Flüchtlinge von großer Bedeutung: Aufgrund des Abkommens bestand für sie immer die Gefahr, in das Land zurückzumüssen, in dem sie zuallererst registriert wurden. Mit der Aufhebung des Abkommens steht nun fest: Sie dürfen hier bleiben, hier in Wuppertal.

"Es ist alles nicht so einfach hier."

Nach zwei Stunden leert sich die Cafeteria. Zurück bleiben Ferhard Battal und Renate Szymczyk. Leise unterhalten sie sich über Ausbildungsmöglichkeiten. Ferhard Battal wirkt resigniert. „Ich habe in meiner Heimat bereits studiert und einen Bachelorabschluss erworben“, erzählt er. Doch hier erneut zu studieren, das dauert ihm zu lang. Eine Ausbildung möchte er machen, von möglichst kurzer Dauer, damit er schnell arbeiten und Geld verdienen kann. Doch wer finanziert seine Weiterbildungsmaßnahmen? „Es ist alles nicht so einfach hier“, sagt er.

 

Text: Christopher Luhmer, Saskia Stiefeling, Hannah Florian

 

Infokasten:
Jeden Dienstagnachmittag findet von 16-18 Uhr im Internationalen Begegnungszentrum in der Hünefeldstraße 54a der TEESalon statt. Ehrenamtler können sich zudem bei Dominika Posor-Punturo, Tel. 0202 389036882, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder bei Renate Szymczyk, Tel. 0202 2805214, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! melden.

Informationen zu den Angeboten des Katholischen Bildungswerks finden Sie unter www.bildungswerk-wuppertal.de und www.aktion-neue-nachbarn-wsg.de.
Informationen über die Kooperation des TransZent der Bergischen Universität Wuppertal mit dem Verein „In unserer Mitte“ sowie die Angebote des TransZent sind unter www.transzent.uni-wuppertal.de abrufbar.

 

Lise-Meitner-Straße 5 | 42119 Wuppertal | 0202 / 695 90 90 | Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!