Andreas Guhr vor der City-Kirche Andreas Guhr vor der City-Kirche Foto: Benedikt Bergenthal

Rollstuhlfahrer treffen auf viele Hindernisse

Für Rollstuhlfahrer steckt Wuppertal voller Hindernisse. Andreas Guhr wünscht sich eine barrierefreie Stadt.

Aus unserer September-Print-Ausgabe - Wuppertal, 13.08.2017 - Die linke Hand drückt den Schaltknüppel, der Rollstuhl-Motor heult kurz auf und – schwups – hat Andreas Guhr den abgesenkten Bordstein überwunden. Andreas ist an Multipler Sklerose erkrankt und sitzt seit fast 12 Jahren im Rollstuhl. Er sieht die Elberfelder Innenstadt aus einem ganz anderen Blickwinkel als die Fußgänger. Allein das Kopfsteinpflaster vor dem Milias Coffee in der Innenstadt rüttelt und schüttelt ihn ordentlich durch, während die meisten Fußgänger sich an dem Altstadtflair des Pflasters erfreuen. Die meiste Zeit ist Andreas Guhr in seinem elektrischen Rollstuhl unterwegs. Da er nur eine Hand bewegen kann, ist die Bewegung des Rollstuhls mit dem Schalthebel ganz praktisch für ihn. Zur Arbeit benutzt er oft einen manuell betriebenen Rollstuhl. „Den treibe ich mit einer Hand an, damit ich fit bleibe “, sagt er.

Wenn Andreas sich mit Freunden auf ein Bier oder zum Essen verabreden möchte, ist die Auswahl der Lokale in der Elberfelder Innenstadt und im Luisenviertel nicht groß. „Fast alle Kneipen im Luisenviertel haben drei Treppenstufen vor dem Eingang. Nur das SWANE Design Café ist barrierefrei.“

Zwar kann Andreas ohne Probleme den Eingang zum SWANE passieren, aber eine extra rollstuhlgerechte Toilette hat das Lokal nicht zu bieten. „Das macht mir jetzt nichts aus“, sagt er. „Aber einige Rollstuhlfahrer könnten damit Probleme haben.“ Mit seinem Stammtisch trifft Andreas sich oft im Scoozi am Kasinokreisel. „Der Zugang und die Toilette sind ebenerdig, aber ein Rolli-Klo haben die auch nicht.“

Gerade was das Thema Rollstuhl-Toilette betrifft, hat die Innenstadt nicht viel zu bieten. „Das Mio am Kasinokreisel ist das einzige mir bekannte Lokal mit einer Rolli-Toilette – aber alle Tische dort stehen erhöht auf Podesten“, erzählt Andreas. In solchen Fällen reicht zwar oft ein kurzer Hinweis und die Angestellten des Lokals helfen Andreas mit seinem Rolli auf die Podeste. „Aber manchmal hat man darauf eben einfach keine Lust“, sagt er.

Generell nervt es ihn am meisten, dass er sich überall vorab erkundigen muss, ob der Ort, den er besuchen möchte, rollstuhlgerecht ist und über eine ihm zugängliche Toilette verfügt. „In Amerika zum Beispiel ist das als Rollstuhlfahrer nicht so ein großes Thema. Jede Pommesbude muss dort eine Rollstuhl-Toilette haben – für die ganzen Kriegsveteranen“, berichtet Andreas von seiner New York- Reise im vergangenen Jahr. An jeder Straßenecke wurde er dort gegrüßt und für einen Kriegsverletzten gehalten. „Hier in Deutschland ist das Fortbewegen als Rollifahrer eine Katastrophe“, beklagt er sich.

Obwohl städtische Gebäude mittlerweile über einen barrierefreien Zugang verfügen müssen, sieht es bei Arztpraxen noch ganz anders aus. Auch öffentliche Verkehrsmittel sind für Rollstuhlfahrer nicht immer nutzbar. „Schaut Euch nur den Bahnhof an“, sagt Andreas. Ist das Gleis 1 noch ohne Probleme zu erreichen, sieht es bei den restlichen Gleisen schon ganz anders aus. „Wenn ich von einem anderen Gleis abfahren möchte, muss ich das Bahnhofspersonal darum bitten, mich mit einem Lastenaufzug zu transportieren – sofern dieser nicht mal wieder kaputt ist.“

Defekt ist des Öfteren auch der Aufzug an der Behelfs-Treppe zum Bahnhof hin. „Daran scheitert dann schon meine Bahnfahrt.“ Auch der Einstieg in die alten Schwebebahnen ist für Andreas ohne Hilfe nicht zu bewältigen. „Der Abstand zum Boden ist zu groß, dazu kommt das Schwanken der Bahn.“ Die neuen Schwebebahnen verfügen über eine ausklappbare Rampe, die der Schwebebahnfahrer jedoch manuell bedienen muss.

Um sich gerade in fremden Städten einen Überblick über barrierefreie Orte zu verschaffen, gibt es für Rollstuhlfahrer Apps wie die „wheelmap“, die für öffentliche Orte wie Kneipen oder Sparkassen barrierefreie Zugänge und Toiletten verzeichnet. „Die ist zwar nicht so gepflegt, aber liefert immerhin einen ersten Überblick“, sagt Andreas und klickt sich durch die App auf seinem Smartphone. Seiner Meinung nach ist die Gesellschaft in Deutschland nicht auf Rollstuhlfahrer eingestellt, besonders im Vergleich zur USA oder unserem Nachbarn Holland. Doch auch wenn Kopfsteinpflaster und Treppenstufen ihm oft als Hindernis im Weg stehen, weiß Andreas Guhr: „Schaffen kann man alles, wenn man es will.“

Text Hannah Florian

Hofaue 75 | 42103 Wuppertal
| 0202 75 89 03-30
| Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!