Wuppertal, Du hast Dich verändert... Foto: Pexels-Foto

Wuppertal, Du hast Dich verändert...

STADTZEITUNGS-Mitarbeiterin Claudia Tomaschewski verfolgt den Wandel Wuppertals seit langem mit großem Interesse. Ihre Eindrücke und Gefühle fasst sie in einer emotionalen Kolumne zusammen:

Aus unserer September-Print-Ausgabe - Wuppertal, 12.09.2017 - Wuppertal, Du hast Dich verändert – sagen alle. Eine umständliche Schönheit wirst Du genannt und genau deswegen geliebt. Auch ein neuer Bahnhof kann Dir diesen Titel nicht nehmen.
Wuppertal, Du altes, charmantes Stück. Früher fand ich Dich hässlich und gestunken hast Du auch. Tust Du immer noch. Aber Deine Menschen und Aussichten, Deine hübschen Ecken, die Du nicht jedem zeigst, haben mich inspiriert – Du hast mich rumgekriegt.

Heute liebe ich Dich – meistens. Momentan muss ich wieder viel über unsere Beziehung nachdenken, weil gerade so viel mit Dir passiert. Ich will Dir nicht zu nahe treten, aber ich glaube, so viele Baustellen hattest Du noch nie, oder? Es heißt, Orte erinnern uns an Vergangenes. Und wenn sich nun ein Ort verändert, dann verschwinden auch die Erinnerungen. Von einigen dieser Erinnerungen möchte ich Dir heute erzählen: Am Wochenende bin ich bei einer Freundin in Unterbarmen gewesen – ich kenne sie seit der ersten Klasse. Zu Grundschulzeiten mussten wir immer durch den Tunnel an der Unionstraße, wenn wir nach dem Unterricht zu ihr gegangen sind. Manchmal konnten wir schon vom Tunnel aus sehen, wie ihr Vater am Fenster stand und uns zuwinkte.

Heute liegt ein Haufen Schutt an dieser Stelle und darauf steht ein Bagger, der die pulverisierten Tunnelreste von einer zur anderen Seite schaufelt.

An einem anderen Tag dieser Zeit durchstreife ich in der Kaufhalle die Gänge der Spielwarenabteilung mit großen Augen und geöffnetem Mund, genau wissend, wohin mich meine Suche bringen würde. Mehrere Wochen hatte ich mein Taschengeld gespart, um mir eine kleine Meerjungfrauenpuppe mit blauem Haar kaufen zu können. In einer orange-gestreiften und viel zu laut raschelnden Plastiktüte trug ich meine Trophäe nach Hause, nicht ohne alle zwei Minuten hineinzuschauen, um mich meines wahrgewordenen Traumes zu
vergewissern.

Auch der alte Hauptbahnhof birgt viele vergangene Momente. Damals war er außerordentlich unansehnlich, um nicht zu sagen, ein Loch. Als die Züge für mich noch monströse Metallriesen waren, in die ich nur einsteigen konnte, wenn man mich entweder hochhob oder fest an die Hand nahm, holten meine Mutter und ich meine Großmutter von Gleis eins ab, als sie uns das erste Mal besuchte, nachdem wir in einer Nacht- und Nebelaktion 1991 von Brandenburg nach Wuppertal gezogen waren. Und als Teenager habe ich mein erstes Musikmagazin im Zeitungsladen des Bahnhofs gekauft ( mein gesellschaftliches Ansehen wuchs in diesem Moment spürbar ). Ich habe noch so viel mehr Erinnerungen...

Wenn ich nun durch den Bauzaun am Hauptbahnhof schaue, dann sehe ich dort eine mir unbekannte und fremde Welt. Das ist nicht schlimm, aber ein bisschen traurig macht es mich schon. Welche Momente werde ich dort erleben, die wiederum zu Erinnerungen und Anekdoten werden? Wuppertal, ich weiß, Du wurdest oft fertig gemacht: „Wuppertal? Da war ich mal. Fand‘ ich jetzt eher hässlich.“.

Und ich weiß auch, dass das am Selbstbewusstsein kratzt. Was ich Dir sagen möchte: Ich freue mich für Dich, dass man sich um Dich kümmert und Dich aufübscht. In der Fassade des neuen supertollen Einkaufszentrums spiegelt sich sogar die ( neue ) Schwebebahn, wenn sie zwischen den Stationen Hauptbahnhof und Kluse pendelt, und man fühlt sich als Fahrgast ganz kurz wie ein Zuschauer im eigenen Kinofilm. Viele der neuen Bauten sind sehr glasglänzend und spiegelblitzend. Die Stadt funkelt. Aber der Grund für Dein Charisma, Wuppertal, ist nicht das oberflächliche Funkeln.

Das, was Dich besonders macht, hast Du schon lange vor diesen ganzen Eingriffen gehabt. Es ist ein Wabern in Deinem Innern. Ein leuchtender Herzschlag. Du bist schön, weil Du in Deiner Art kompromisslos bist und im wahrsten Sinne ganz eigenartig durch Deine Vielfalt und unangestrengte Konsequenz in allen Farben. Aber es stimmt schon: der Erneuerung kann man nicht entkommen. Das ist auch gut und wichtig. Aber bevor ich mich über das Neue freuen kann, muss ich ein wenig trauern, in Erinnerungen schwelgen. Und irgendwann, wenn ich dann so nostalgisch-melancholisch durch die Innenstadt streife, wird mich eine neue Fassade aus dem traurigen Tagtraum blenden und mich auf sich aufmerksam machen und die alten Erinnerungen überbelichten...

Text: Claudia Tomaschewski

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