Dr. Aruna Raghavachar Dr. Aruna Raghavachar Foto: Helios Klinikum

Leukämie: Riesige Datenbanken steuern Therapie

Im 5. Teil unserer Serie "Spitzenmedizin in Wuppertal" stellen wir Ihnen Privatdozent Dr. Aruna Raghavachar vor, bundesweit anerkannter Experte bei akuter Leukämie: Riesige Datenbanken steuern Therapie - aber auch deren Begrenzung.

Aus unserer Juli-Print-Ausgabe - Wuppertal, 12.07.2018 - Mit Guido Westerwelle kam das Thema „Leukämie“ in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Der frühe Tod des ehemaligen Außenministers hatte viele schockiert und auch ratlos gemacht. Westerwelle wurde in der Kölner Universitätsklinik von Professor Michael Hallek behandelt, einem weltweit anerkannten Leukämie-Experten. Köln ist ein international sichtbarer Leuchtturm für die akute Leukämie. Nur wenige wissen, dass Leukämie auch in Wuppertal behandelt werden kann. Erfolgreich, wie unsere Geschichte zeigt.

Helios Chefarzt, Privatdozent Dr. Aruna Raghavachar, kann zu diesem Thema einiges beitragen. Seit 1999 ist Raghavachar in Wuppertal als Hämatologe und Onkologe tätig - als Direktor der Medizinischen Klinik 1 im Barmer Helios Klinikum und als Chefarzt der Hämatologie (das Blut betreffend).

Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere. Eigentlich! Es sollte der bis dahin schlimmste Tag ihres noch jungen Lebens werden. Die Voruntersuchung für eine eher harmlose Knieoperation stand bei der 36jährigen Wuppertaler Sportlerin Karo M. (Name geändert) an. Als die behandelnden Ärzte routinemäßig das Blutbild auswerteten, stellten sie eine Leukämie-Erkrankung fest.

Das war im Dezember 2016. Man wisse nicht, ob sie die nächsten vier Monate überlebte würde, sagte man der Mutter von zwei kleinen Kindern im Barmer Helios Klinikum. Sie möge doch alles Wichtige regeln. Die Fassungslosigkeit steigerte sich noch, als die Diagnose mit „Akuter Myeloische Leukämie (AML)“ - das Knochenmark betreffend - konkretisiert wurde.

War das nicht die gleiche Krankheit, an der Außenminister Guido Westerwelle 2014 erkrankte und bereits im März 2016 im Alter von 54 Jahren verstorben war? Sie war es! Karo M., von Beruf Polizeibeamtin, durchtrainiert, ohne erkennbare Risikofaktoren, bis dato niemals ernsthaft erkrankt, traf die Diagnose wie ein Keulenschlag, zumal es zuvor nicht die geringsten Krankheitsanzeichen gegeben hatte, außer vielleicht die Symptome einer unbehandelten, leichten Grippe.

Für Priv.doz. Dr. Aruna Raghavachar kein Einzelfall. Zu ihm kommen jährlich etwa 25 Patienten mit diesem Krankheitsbild. „Das fatale an Leukämien ist tatsächlich, dass sie oft ohne Beschwerden auftreten und es keine Anzeichen gibt. Wie hier und bei Guido Westerwelle sind es oft nur Routineuntersuchungen, wenn es zu dieser Diagnostizierung kommt“, sagt der 63jährige Dr. Raghavachar.

Im Jahr 2014 erkrankten in Deutschland etwa 500.000 Personen, davon 13.700 junge Menschen (vier Prozent Kinder unter 15 Jahren) an Krebs. Der Leukämieanteil liegt bei insgesamt nur zwei Prozent. Leukämie bezeichnet verschiedene Arten von Krebserkrankungen, die durch bösartige Veränderungen der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) im Knochenmark oder Lymphsystem entstehen. In der Folge ist die Blutbildung gestört und es werden zunehmend unreife Leukozyten gebildet, welche die gesunden Blutzellen verdrängen.

Über die Ursachen dieser Erkrankung herrscht bisher noch weitgehend Ungewissheit. Strahlenbelastungen, chemische Substanzen und auch das Erbgut sind Faktoren, die das Risiko erhöhen. Sehr wahrscheinlich entsteht die Krankheit aber durch einen Fehler bei der Zellteilung, der rein zufällig passiert.

Für Karo M. war diese Tatsache einerseits entlastend, denn sie musste nicht länger nach einem Grund ihrer Krankheit suchen, anderseits spürte sie aber auch ihre schutzlose Auslieferung. Aber Zeit zum Nachdenken blieb ihr ohnedies nicht. Rasches Handeln war überlebenswichtig, unbehandelt führt die Krankheit, wie man weiß, innerhalb weniger Wochen zum Tod.

Die wichtigste Säule der Therapie ist die Chemotherapie, die bei ihr in fünf Blöcken durchgeführt wurde. Bei einer Chemotherapie bekommt der Patient starke Medikamente, sogenannte Zytostatika, die die Tumorzellen zerstören oder am Wachstum hindern sollen. So sorgen sie dafür, dass das Knochenmark wieder gesunde Blutkörperchen bildet. Im Einzelfall kann auch, wie bei Guido Westerwelle geschehen, eine Stammzelltransplantation sinnvoll sein.

Die blieb Karo M. erspart, weil sie günstige molekulare Prognosefaktoren hatte. Die im Helios eingeleitete Therapie wurde begleitet von einer klinischen Studie des Universitätsklinikums Ulm. Raghavachar: „Wir begreifen uns als Partner. Die aktive Mitarbeit in einem hochspezialisierten Netzwerk ist ein Qualitätskriterium für Diagnostik und Therapie. In diesem Falle stehen hier Datenbanken von 7600 Leukämiefällen zur vergleichenden Auswertung zur Verfügung. Die dort gewonnen Erkenntnisse steuern die Therapie, aber auch deren Begrenzung. Die Treffsicherheit der Prognose zur Remissions-Wahrscheinlichkeit (Nachlassen, Rückgang) liegt bei 80 Prozent.“

Gesund, abernicht geheilt…

Karo M. entwickelte einen außergewöhnlich starken Überlebenswillen. Ihre Prognosen waren vielversprechend. Erkenntnisse hierzu wurden aus regelmäßigen, trotz leichter Betäubung, als sehr schmerzhaft empfundenen Beckenkamm-Biopsien gewonnen. Hier wird mit einer Spezialnadel ungefähr drei bis fünf Milliliter Knochenmarkblut abgesaugt. Nach sechs Monaten ging es von der stationären Phase in die Reha-Klinik, aus der sie im Juni 2017, sehr zur Freude, besonders ihrer kleinen Kinder, entlassen werden konnte.

Heute befindet sich Karo M. bereits wieder im Arbeitsprozess. Äußerlich sieht man ihr nichts mehr an. Die wegen der „Chemo“ ausgefallenen Haare haben wieder Fülle und Struktur. Beim Wuppertaler Schwebebahn-Lauf war sie dieser Tage, ganz unauffällig, eine der zahlreichen Teilnehmerinnen. So, als ob nichts gewesen wäre…

Die Frage, ob die Krankheit damit überwunden oder gar geheilt ist, lässt sich damit aber noch nicht schlüssig beantworten. Dr. Aruna Raghavachar: “Man ist gesund, aber nicht geheilt. Die Prognose des Leukämie-Patienten hängt von ganz individuellen Faktoren ab, wie Alter, Begleiterkrankungen und Resistenzmechanismen der Leukämiezellen, der Krankheitsform und dem Diagnosealter ab“.

Mit anderen Worten, die Angst auf einen Rückfall (Rezidiv), dazu engmaschige Kontrolluntersuchungen von Blut und Knochenmark, bleiben für Jahre Lebensbegleiter.

Text: Siegfried Jähne

 

Vita - PD Dr. Aruna Raghavachar

Der 1955 in Köln-Lindenthal geborene Sohn eines Inders hat eine deutsche Mutter. Die Eltern hatten sich im Volkswirtschafts-Studium an der Uni Köln kennengelernt. Sein Medizinstudium absolvierte Aruna Raghavachar in Ulm, wo er auch an der dortigen Universität einige Jahre experimentell arbeitete, ehe er 1999 nach Wuppertal in die damals Städtischen Kliniken kam.

Beim Rechtsnachfolger Helios war er viele Jahre Ärztlicher Direktor, eine Funktion, von der er 2014 zurückgetrat. Dr. Raghavachar ist verheiratet, hat drei Kinder, zwei Pferde und drei Hunde. Die Familie lebt im Stadtteil Vohwinkel. Zu seinen Hobbys zählen der Umgang mit seinen Oldtimern und das Klavierspiel.

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