Brüten über einer Rechenaufgabe Brüten über einer Rechenaufgabe Foto: fotolila.com

'Mama, ich kann das nicht rechnen'

„Mama, ich kann das nicht rechnen“ - Rechenstörung bei Kindern. Wie Sie Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn helfen können, sagt Ihnen die Wuppertaler Diplom.-Psychologin Barbara Knoblauch.

Wuppertal, 05.07.2019 - Entsprechend der Lese- und Rechtschreib-Störung stellt die Rechenstörung die Lernstörung im mathematischen Bereich dar. Die Kinder haben je nach Alter zum Beispiel Schwierigkeiten beim Zählen oder Probleme bei den Grundrechenarten (Subtraktion, Addition, Multiplikation, Division). Gerade in Textaufgaben, in denen sie über das reine Rechnen hinaus die praktische Seite der Mathematik umsetzen sollen, zeigen sie deutliche Defizite.

Sie können meist ohne fremde Hilfe keinen angemessenen Lösungsansatz finden. Grundsätzlich sind diese Kinder normal intelligent, haben erst einmal keine Schwierigkeiten in den anderen Schulfächern, sondern haben ihre Probleme nur in dem umschriebenen mathematischen Bereich. Deswegen wird die Problematik in der ICD10, dem internationalen Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO), auch als „umschriebene Entwicklungsstörung“ beschrieben.

Oft täuschen sie ihre Umgebung über ihre Schwierigkeiten hinweg, indem sie zum Beispiel das kleine Einmaleins auswendig lernen oder versuchen, Textaufgaben anhand von Schlüsselwörtern zu lösen. Jedoch, auch wenn das Ergebnis richtig ist, fehlt das entsprechende mathematische Verständnis. International finden Sie in der Fachliteratur den Begriff der Dyskalkulie.

Die Störung wird wie die Legasthenie im Schulalter diagnostiziert und zwar überall in der Welt. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Schätzungen gehen von einer Häufigkeit von fünf bis sieben Prozent aus. Forschungsergebnisse und die familiäre Häufung lassen auf eine genetische Beteiligung, das heißt erbliche Faktoren, schließen.

Da am Anfang der Schulzeit die Grundrechenarten erst einmal erworben werden müssen, fallen die ansonsten intelligenten Kinder meist erst später auf. Zumal sie Strategien entwickeln, wie sie ihre Probleme verschleiern können.

Frühe Förderung ist notwendig, weil die Kinder sonst in sturem Auswendiglernen der mathematischen Operationen verharren, ohne zu wissen, was sie tun. Zudem drohen erhebliche sekundäre Folgestörungen. Die Eltern schwanken zwischen Unverständnis, Sorge und Mitleid, fragen sich, ob ihr Kind dumm oder faul ist. Sie erhöhen den Druck mit vermehrtem Üben und geben meist resignierend und betroffen auf.

Die Kinder fangen an, die Schule zu hassen oder sogar zu fürchten. Sie verweigern Rechenaufgaben oder wollen gar nicht mehr in die Schule gehen, zeigen psychosomatische Symptome wie Bauch- und Kopfschmerzen, möglicherweise Schlafstörungen, ziehen sich häufig zurück oder verhalten sich aggressiv. Das alles sind mögliche Folgen aufgrund einer auch für die Kinder unverständlichen Schwäche, die trotz vermehrten Übens nicht behoben werden kann. Leider führt die Rechenschwäche bei Nichterkennen häufig zu Schulversagen.

Die Störung wird in einem Sozialpädiatrischen Zentrum diagnostiziert, beim Kinder- und Jugendpsychiater oder in einer Schulpsychologischen Beratungsstelle. Es erfolgt ein Test der Intelligenz mit standardisierten Testverfahren zur Erfassung und Messung der Schwierigkeiten.

Nur bei normaler Intelligenz mit signifikanten, das heißt statistisch bedeutsamen Abweichungen in den Rechenleistungen, wird die Diagnose der Dyskalkulie vergeben. Die Kinder erhalten spezielle Förderung in der Schule und können dann in dafür anerkannten Instituten und Praxen adäquate, speziell auf ihr Problem ausgerichtete Förderung und Therapie erhalten.

Es handelt sich zwar streng genommen um eine anerkannte Krankheit, die in der ICD 10 erfasst wird, doch werden die Therapiekosten nicht von den Krankenkassen übernommen, sondern müssen von den Eltern erstattet werden. Sind bereits sekundäre, emotionale Störungen entstanden, die schulischen Mittel ausgeschöpft und droht seelische Behinderung, muss das Jugendamt bei der Gewährung und Finanzierung von Therapien helfen.

Es prüft den Antrag mit der erstellten Diagnose und verweist bei Ordnungsmäßigkeit an die anerkannten Institute und Praxen. Eine enge Zusammenarbeit mit Eltern und Schule ist unabdingbar.

Der Verlauf der Störung ist eher unbekannt, wobei sich hinter den statistischen Durchschnittszahlen sowohl unbehandelte, ungeförderte Fälle als auch restlos ausgeheilte verbergen. Förderlich sind auf jeden Fall frühe Diagnostik und Therapie.

Sollten sie bei ihrem Kind entsprechende Schwierigkeiten bemerken, sprechen Sie mit dem Lehrer oder der Lehrerin, nehmen Sie Kontakt mit Ihrem Kinderarzt auf und lassen Sie sich gegebenenfalls eine Überweisung an eine geeignete Einrichtung (s.o.) ausstellen.

Üben Sie im häuslichen Bereich bei allen rechnerischen Aufgaben keinen Druck (mehr) auf Ihr Kind aus. Das wichtigste Ziel ist es, den Selbstwert des Kindes zu stärken und es zu einem glücklichen Menschen werden zu lassen.

Versuchen Sie Ihr Kind nur spielerisch zu fördern, zeigen Sie ohne Belehrung, dass Mathematik im Alltag einen Platz hat, dass Mathematik Spaß machen kann und nicht nur aus Gründen des Selbstzwecks gelernt werden muss.

Bundesverband für Dyskalkulie und Legasthenie:
www.bvl-legasthenie.de

Ihre Barbara Knoblauch – Dipl. Psych./Psychotherapeutin

 

Lise-Meitner-Straße 5 | 42119 Wuppertal | 0202 / 695 90 90 | Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!