Medizinerin & Tierfreundin: Prof. Dr. Petra Thürmann mit Hund Zoja Medizinerin & Tierfreundin: Prof. Dr. Petra Thürmann mit Hund Zoja Foto: privat

Petra Thürmann: 'Top-Frau' im Gesundheitswesen

In unserer Serie "Spitzenmedizin in Wuppertal" stellen wir Prof. Dr. Petra Thürmann, ärztliche Direktorin der Helios Kliniken Wuppertal, vor – eine der sieben Weisen im Sachverständigenrat - eine „Top-Frau“ im deutschen Gesundheitswesen.

Aus unserer November-Print-Ausgabe - Wuppertal 16.11.2018 - Wer die schlanke sportliche Frau sieht, kann sich kaum vorstellen, welches „Schwergewicht“ man da vor sich hat. Die ärztliche Direktorin der Helios Kliniken Wuppertal gehört zu den „Sieben Weisen“ des Deutschen Gesundheitswesen. Professor Dr. med. Petra A. Thürmann (58) ist seit 2011 Mitglied des Sachverständigenrates, der u.a. die gesetzliche Aufgabe hat, die Entwicklung des Gesundheitswesens zu analysieren, zu begutachten und Möglichkeiten der Weiterentwicklung aufzuzeigen.

Aktuell tritt der Sachverständigenrat mit einem Gutachten an die Öffentlichkeit, wie das deutsche Gesundheitssystem umfassend umgebaut werden sollte. Darin werden 70 Empfehlungen für eine bessere Versorgung aufgezeigt, die nach Expertenmeinung geeignet sind, die Gesundheitsversorgung in Deutschland in absehbarer Zeit spürbar zu verändern.

Die Vorschläge zielen auf Reformen der Notfallversorgung, Neu-Organisationen des ambulanten Bereichs, Facharzt-Gebühren für Patienten und neue Klinikplanungen ab. Thürmann ist Lehrstuhlinhaberin für Klinische Pharmakologie an der Universität Witten-Herdecke und leitet das Philipp-Klee-Institut für klinische Pharmakologie am Helios-Klinikum Wuppertal. Sie sieht ihre Aufgabe hier in der Beratung ihrer Patienten, wie auch in der ihrer Kollegen.

Spannend ist da schon die Frage, wie sie die Situation ihres eigenen Hauses einschätzt, das zuletzt auch einige negative Schlagzeilen hatte. Thürmann: „Auch wenn nicht alles rund gelaufen ist, wurden hier doch einige Unwahrheiten verbreitet. Da wurde beispielsweise der Wechsel einiger Chefärzte kolportiert, der so gar nicht stattgefunden hat, die Kollegen Roth, Zirngibl und Lehmann kann ich da nennen.“

Im Hintergrund schwingt immer der Vorwurf mit, dass Helios börsennotiert und damit besonders gewinnorientiert arbeitet. Dazu Thürmann: „Ohne Gewinne sind notwendige Investitionen gar nicht möglich. Wo soll denn das Geld für Zukunftsinvestitionen herkommen? Allein unser Neubau kostet mindestens 120 Mio. Euro. Die Krankenhausfinanzierung ist so angelegt, dass für die Behandlungen die Krankenkassen, für Investitionen aber das Land zuständig ist.

Dieser Verpflichtung kommt das Land aber seit Jahren nur völlig unzureichend nach, so dass sich auf jeden Patienten gerechnet ein jährlicher Fehlbetrag von rund 200 Euro ergibt, der in NRW erst zusätzlich erwirtschaftet werden muss. Das gilt für alle Krankenhäuser, gleich in welcher Trägerschaft“.

Der Markt soll es regeln

In der Tat hat die Politik nicht nur den Wettbewerb der Krankenkassen, sondern auch den der Krankenhäuser gewollt und damit die Regelung der Probleme durchaus den üblichen Marktmechanismen zugewiesen. Thürmann: “Das kann man in einem Diskurs durchaus kritisieren, aber dann sollte man auch Alternativen aufzeigen. Die Stadt Wuppertal war als Kommune jedenfalls nicht mehr in der Lage, die einst städtischen Kliniken zu finanzieren und in der Trägerschaft zu verbleiben“.

Wo aber sieht die „Sachverständige“ Lösungsansätze für unser Gesundheitswesen? „Wir haben ausreichend Geld, aber einen spürbaren Ärztemangel sowie einen dramatischen Mangel an Pflegepersonal, dabei durchaus auch klinische Überkapazitäten. In unterversorgten Gebieten könnte da schon ein verstärkter Hubschrauber-Einsatz manches Problem beseitigen“. Es gelte die Ressourcen zu bündeln, besser zu koordinieren und zu verteilen.

Als Beispiel nennt sie den Zugang zur ärztlichen Versorgung bei Rückenproblemen. Da könne man den Hausarzt aufsuchen, den Facharzt oder gleich in die Notfallambulanz gehen. Da in der Regel niemand die Vorgeschichte ausreichend kennt, kommt es zu einer Fülle von möglichen medizinischen Aktivitäten, von Physiotherapie bis bildgebenden Verfahren im Zweifel mit sofortiger stationärer Aufnahme. Die Forderung steht im Raum, ähnlich wie bei der KFZ-Versicherung diejenigen finanziell zu belohnen, die den Hausarzt als Lotse akzeptieren.

Ein weiterer Schritt gegen eine Überversorgung müsste die elektronische Versicherungskarte sein, aus der sich alle wichtigen medizinischen Daten für den Behandelnden erschließen. Thürmann nennt Beispiele, wie man in anderen Ländern mit den Themen umgeht: „In Australien und Kanada gibt es mit gutem Erfolg medizinische Verhaltensvorschläge an der Litfaßsäule und Webespots zur besten Sendezeit.“

Es gibt auf dem deutschen Markt vielleicht tausend Wirkstoffe aber 103.787 Arzneimittel, davon 48.377 verschreibungspflichtige und in der Folge 1,9 Millionen Menschen, die von Medikamenten abhängig sind. Nach der Tabaksucht gilt die Arzneimittelabhängigkeit damit als die zweithäufigste Form der Abhängigkeit in Deutschland, noch vor Alkohol. Thürmanns Spezialgebiet ihrer wissenschaftlichen und beratenden Arbeit ist die Arzneimittelversorgung älterer Menschen und ihrer Angehörigen. Bundesweite Beachtung fand sie mit der Auflistung von Medikamenten, die für alte Menschen ein Risiko darstellen und auf die man nach Möglichkeit besser verzichtet.

Bei ihnen kommt es häufig zu unerwünschten Neben- oder Wechselwirkungen. Ein besonderes Augenmerk hat sie auf den Beipackzettel gelegt, der inzwischen oft so lang und umfangreich ist, dass ihn kaum noch jemand versteht. Neue Lösungsvorschläge sollen helfen, das Verständnis aller Beteiligten zu fördern. Falsches Einnahmeverhalten führe hier zu erheblichen Folgeschäden.

Arznei – teurer als Gold

Ein ganz anderes Thema sind die Arzneimittelpreise, die von Unternehmen praktisch frei gestaltbar sind, nicht selten teurer als Gold sind und erst ein Jahr nach Markteintritt einer Nutzenbewertung unterzogen werden können. „Hier haben wir dann erst Werkzeuge, um völlig übersteigerte Preise zu verhindern“, so Thürmann. Betrachtet man die medizinische Forschung, so fällt auf, dass sie in Deutschland überwiegend von der Industrie und damit interessengesteuert wird. „Andere Länder zeigen, wie neutralere Finanzierungen möglich sind“.

Wenn sich jemand in derlei hohen Sphären bewegt, dann verwundert nicht, wenn auch im privaten Bereich besondere Herausforderungen gesucht werden. Die mit ihrem ebenfalls aus Frankfurt am Main kommenden Lebensgefährten auf den Barmer Südhöhen beheimatete Professorin Petra Thürmann reist gerne rund um den Erdball, findet ihren Ausgleich im Marathonlauf, beim Trekking in Grönland, Bergsteigen im Himalaya-Gebirge oder beim Hundeschlittenrennen in Finnland.

Ihre Bürgernähe konnten wir nicht zuletzt erleben, als sie in Wuppertal mit dem karnevalistischen Orden „Goldener Mediziner“ ausgezeichnet wurde. Ihr Umweltbewusstsein dokumentiert sie auch bei der Wahl ihres Fahrzeugs; sie fährt ein Elektro-Auto der Marke Tesla. Und ihre Schwächen: „Ich esse gerne und wohl zu viel Süßes, vor allem Pralinen und Schokolade“. Wie schrieb einst das Deutsche Ärzteblatt: „Eine TOP-Frau für den Sachverständigenrat.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Text: Siegfried Jähne

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