Prof. Dr. Stefan Wirth, Chefarzt der Helios Kinderklinik Prof. Dr. Stefan Wirth, Chefarzt der Helios Kinderklinik Foto: Helios Kliniken Wuppertal

Schwierigste Frage: Haben Kinder Überlebens-Chance?

In unserer Serie "Spitzenmedizin in Wuppertal" stellewn wir heute Prof. Dr. Stefan Wirth, Chefarzt der Helios Kinderklinik, vor: "Die Frage, ob Kinder eine Überlebenschance haben, gehört zu den schwierigsten überhaupt."

Aus unserer Oktober-Print-Ausgabe - Wuppertal, 10.10.2018 - Wer sich mit Kindern beschäftigt, beschäftigt sich mit unserer Zukunft. Die Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen und die Alten von übermorgen (Franz Kern). Nicht von ungefähr beschäftigt sich das Helios Universitäts-Klinikum Wuppertal mit der Kinder- und Jugendmedizin. Keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der mehr Kinderkliniken geschlossen als errichtet werden, und der Ruf „Rettet die Kinderkliniken“ deutschlandweit kein Einzelfall ist.

In Wuppertal hat die „Kinderklinik“ indessen eine lange und gute Tradition. Wer erinnert sich nicht an die alte Kinderklinik, das achtstöckigen Gebäude, das mit einem Bild der Giraffenmutter mit ihrem Kind geziert war, welches nach über 40 Jahren wegen gravierender Brandschutzmängel abgerissen wurde, 2002 aber wieder im neuen Glanz entstand?

Damals wie heute trug Professor Dr. med. Stefan Wirth (63) als Direktor der Einrichtung eine besondere Verantwortung für die „Wuppertaler Kinderklinik“, der heutigen Helios Uni-Klinik. Und er sagt ohne zu zögern: „Ja, wir liefern Spitzenmedizin ab, jedenfalls eine Medizin, die sich an dem aktuellen Stand der Wissenschaft ausrichtet und messen lässt.“

Nach Angaben der „Stiftung Kindergesundheit“ benötigen kranke Kinder einen etwa 30 Prozent höheren Personalaufwand als Patienten in der Erwachsenenmedizin, dem es Rechnung zu tragen gilt. Die Kinder- und Jugendmedizin wird häufig als „Anhängsel“ der Erwachsenenmedizin gesehen.

Die Pädiatrie oder Kinderheilkunde aber ist als Spezialdisziplin die Lehre von der Entwicklung des kindlichen und jugendlichen Organismus, seinen Erkrankungen sowie deren Behandlung und Vorbeugung. Die Kinder- und Jugendmedizin erstreckt sich heute über alle Teilgebiete der klinischen Medizin.

Mangels Fallzahlen werden mit Ausnahme der Onkologie in der Wuppertaler Kinderklinik alle wesentlichen Bereiche abgedeckt, nämlich insbesondere Kinderkardiologie, Pneumologie, Versorgung von Frühgeborenen und erkrankten Neugeborenen (Neonatologie) sowie die Diagnostik und Behandlung der Erkrankung des kindlichen Nervensystems (Neuropädiatrie), Kindergastroenterologie sowie Kinder-Endokrinologie und Diabetologie (Zuckererkrankungen).

Eine große aktuelle Nachfrage besteht nach Angaben von Professor Wirth in der Behandlung von Allergien und Asthma. Eine besondere Herausforderung für die Eltern und die medizinischen Betreuer aber ist die Behandlung und Versorgung behinderter Kinder, die inzwischen ein bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Höchste Aufmerksamkeit kommt auch den Frühgeburten und deren Überlebenschancen zu. Frühgeburten sind Geburten, bei denen das Baby in der Regel zwischen der 24. und der 37. Schwangerschaftswoche mit einem Gewicht zwischen 500 und 2.500 Gramm vor dem eigentlichen Geburtstermin zur Welt kommt. Diese Kinder werden als „Frühchen“ bezeichnet.

Etwa sieben Prozent aller Kinder sind Frühgeborene. Die Frage, ob diese Kinder eine Überlebenschance haben, gehört zu den schwierigsten überhaupt. Hier wird regelmäßig eine Ethikkommission tätig. Die Entscheidung, ob in seltenen Grenzfällen eine medizinische Behandlung oder aber lediglich eine auf bestmögliche Lebensqualität ausgerichtete palliative Betreuung durchgeführt wird, versucht man auch in Gesprächen mit den Eltern zu klären. Nach Aussage von Professor Wirth kommt man hier in den allermeisten Fällen zu übereinstimmenden Ergebnissen.

Über eine andere zentrale Frage der Kindermedizin wird nicht selten heftig gestritten, die Impfungen. Ein Thema, dass aktuell sogar einen Kinostreifen verfilmt wurde. „Eingeimpft“ heißt der sehenswerte Dokumentarfilm, der Impfgegner und Impfbefürworter zu Wort kommen lässt. Zu diesem Thema hat Professor Wirth eine klare Meinung: „Impfungen gegen potentiell tödliche Krankheiten und Kinderkrankheiten sind ein absolutes Muss, wenn man an Tetanus, Diphterie, Keuchhusten, Masern, Mumps, Windpocken oder Röteln denkt. Bei den sogenannten individuellen Schutzimpfungen kann man durchaus auch andere Meinungen vertreten“, sagt er, hier komme es oft auf den individuellen Fall an.

Professor Wirth weiß als Vater dreier inzwischen erwachsener Töchter, wovon er spricht. Inklusive seiner Ehefrau gehen alle ärztlichen oder Gesundheitsberufen nach. Mehr noch: Prof. Wirth gehört der deutschen Leitlinienkommission für Kinder- und Jugendmedizin an und ist Dekan der Fakultät für Gesundheit der Uni Witten/Herdecke. Hier praktiziert er seit 2011ein neues Führungsmodell; der Dekan bleibt am Krankenbett tätig und verbindet damit wissenschaftliche und praktische Arbeit in ganz besonderer Weise.

Nicht zuletzt seinem Einfluss darf es zugeschrieben werden, wenn die Uni Witten Herdecke ab dem kommenden Semester die Zahl der Medizin-Studienplätze von 84 auf 168 verdoppelt. Auch wenn der Vergleich mit großen Universitätskliniken, wie etwa in Köln oder Düsseldorf hinkt, damit dürfte demnächst auch im Wuppertaler Helios Klinikum selbst eine erhöhte studentische Präsenz erlebbar sein.

Auch der Privatmann Prof. Stefan Wirth bewegt sich in seiner knapp bemessenen Zeit auf interessantem Terrain. Da ist zum einen seine Affinität zum Segelsport, Tennis und Tauchen, aber auch sein soziales Engagement zu nennen. Wirth übt aktuell die Vormundschaft für minderjährige Flüchtlinge aus. Sie sind seiner Frau und ihm bei der Ausübung ihres Berufes begegnet und durch besondere Hilfsbedürftigkeit aufgefallen.

Professor Wirth, der seine Bemühungen auch als Integrationshilfe begreift: „Man glaubt es nicht, was junge Menschen durch entsprechende Anleitung für Fähigkeiten entwickeln können. Da werden aus angeblich absoluten Taugenichtsen brauchbare Gesellschaftsmitglieder, sofern man ihnen nur Vertrauen schenkt“.

In einem Falle habe er es mit einem täglichen elektronischen Weckruf geschafft, den Anschluss an das gesellschaftliche Leben zu schaffen, in anderen Fällen reichte es, unglaublich hohe bürokratische Hürden zu beseitigen. In Vorbereitung auf seinen für Mitte 2020 angepeilten Ruhestand hat Professor Wirth sich bereits als Schöffe beworben, als Schöffe beim Jugendgereicht versteht sich.

Text: Siegfried Jähne

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