Peter Frese mit seinen Nachwuchs-Judoka Peter Frese mit seinen Nachwuchs-Judoka Foto: Dirk Sengotta

"Ohne Judo wäre ich vielleicht ein Gauner geworden.."

Der Sport hat das Leben von Peter Frese entscheidend geprägt. Seit 15 Jahren ist er Präsident des Deutschen Judo-Bundes und vertritt bundesweit rund 200.000 Judoka. Trotzdem hat sein Sport Nachwuchsprobleme.

Er ist eine lebende Judo-Legende, dabei konnte er als Aktiver nie den ganz großen Wurf landen. Ein paarmal Westdeutscher Meister in der Klasse bis 86 Kilogramm, einige dritte Plätze bei den Deutschen Meisterschaften, eine Handvoll Einsätze im Nationalkader, einige Jahre Kämpfer in der Bundesliga. Und dennoch hat Peter Frese den Judo-Sport geprägt wie kein anderer. Der 62jährige ist sympathisch wie Balou der Bär und eine absolut ehrliche Haut: „Ich habe meinem Sport alles zu verdanken. Ohne ihn wäre ich vielleicht ein Gauner geworden. Als Jugendlicher wusste ich nämlich nicht, wohin mit der Kraft“, sagt er. Offene Worte eines echten Sportsmannes.
Seit 15 Jahren ist der Wuppertaler Präsident des Deutschen Judo-Bundes und vertritt bundesweit rund 200.000 Judoka. Bei drei Olympiaden stand Peter Frese an der Matte.
Über die FIFA-Funktionäre, die mit Millionen jonglieren, kann er nur den Kopf schütteln: „Ich mache meinen Job ehrenamtlich, bekomme nur Fahrt- und Hotelkosten erstattet und eine kleine Spesenpauschale. Aber ich bin damit voll und ganz zufrieden.“

Volkmar Schwarz, Präsident des Stadtsportbundes Wuppertal, der mit Peter Frese in Sachen Förderung des Breitensports Seite an Seite kämpft, charakterisiert den gestandenen Sportler und Diplom-Judo-Trainer so: “Peter ist ein Mann, der den Judo-Sport im Herzen trägt. Er besitzt die Leidenschaft, die eigentlich jeder Funktionär haben sollte.“


Aber auch der Judo-Sport, der noch in rund zehn Wuppertaler Vereinen betrieben wird, leidet unter großen Nachwuchssorgen. Peter Frese: „Wir haben sehr viele Kinder verloren in den letzten Jahren. Die Kids kommen nach einem langen Schultag nach Hause, hatten womöglich eine Stunde Sportunterricht. Und dann haben sie keine Lust mehr, noch einmal raus zu gehen, um richtig Sport zu treiben. Die Rahmenbedingungen sind momentan alles andere als gut für unseren Sport. Dabei könnte Judo für Kinder und Jugendliche ein großes Abenteuer sein. Man lernt zu kämpfen, sich zu behaupten und kann dabei noch etwas erleben. Egal, welchen Sport man später auch ausüben will, Judo liefert dafür die ideale Basis.“


Peter Frese und sein Verband unterstützen tatkräftig die NRW-Aktion „Schwer mobil“ für Kinder mit Übergewicht. Der engagierte Judo-Trainer: „Wir schließen niemanden aus, nur weil er schwer, langsam und behäbig ist. Im Gegenteil, wir brauchen starke Kräfte fürs Schwergewicht. Da wir so gut wie gar nicht im Fernsehen auftauchen, müssen wir Werbung in eigener Sache machen. Und das haben viele Vereine noch nicht begriffen.“
Peter Frese, ein einsamer Kämpfer für seinen geliebten Sport. Er geht in die Schulen, veranstaltet Schnupperkurse. Ein Problem sieht der sympathische Judoka darin, dass Judo ein Qualitäts-Sport ist, für den speziell ausgebildete Trainer gebraucht würden, die es aber in der Regel in den Schulen nicht gibt. Auf offene Ohren stößt Peter Frese immer wieder bei Betreuerinnen in Kindergärten. Unterstützt von der AOK trainiert er dann drei- oder vierjährige Kinder. Da geht es dann aber nicht um Judo als Kampfsport, sondern um Koordinations-Übungen. „Vor 30 Jahren konnte man bei den Kids gleich die Judo-Rolle anfangen, heute muss den Jungen und Mädchen erst einmal einen Purzelbaum beibringen, oder rückwärts zu laufen. Man glaubt es kaum. Manche meiner kleinen Schützlinge haben Angst, von einem 35 cm hohen Kasten zu springen“, beklagt Peter Frese, der selbst in seiner Judo-Schule 250 Kinder regelmäßig trainiert.

Für Mädchen spielt Judo als Selbstverteidigungs-Sportart heute kaum noch eine Rolle. Peter Frese: „Unser Sport ist nicht mehr mystisch genug. Karate und Jiu-Jitsu haben uns leider den Rang abgelaufen. Aber diejenigen Mädchen, die sich trotzdem bei uns auf die Matte wagen, gehen selbstbewusster und nicht als Opfer durch die Welt.“ Ein Steilpass für Volkmar Schwarz: „Ob ich mich als Mädchen oder junge Frau im Notfall selbst verteidigen kann, hängt vom Gewicht und von der Kraft ab. Aber die Selbstbehauptung wird durch Judo auf jeden Fall gesteigert.“


Und wie sieht Peter Frese die Zukunft des Judo-Sports? „Da müssen wir zwei Seiten sehen. Einmal den Hochleistungssport. Und da wird es sehr schwer werden. Die anderen Nationen haben uns lange überholt. Schule, Ausbildung, Studium oder Beruf sind nur sehr schwer mit Judo zu vereinbaren, weil man dreimal am Tag trainieren muss. Über unsere soziale Kompetenz mit den Regeln ‚Freundlichkeit, Höflichkeit, Respekt‘ haben wir dagegen in der Gesellschaft als Breitensport eine gute Chance.“ Tugenden, die zu Peter Frese gehören wie sein schwarzer Gürtel... 

Text: Peter Pionke

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