Michael Lingemann Michael Lingemann Foto: Privat

Seit 26 Jahren hält er seinen Feind Alkohol in Schach

Michael Lingemann: Seit 26 Jahren hält er seinen Feind Alkohol in Schach. Als junger Mann verfiel er der Sucht – heute engagiert er sich für die Suchtselbsthilfe „Blaues Kreuz i.D.“

Aus unserer Dezember-Print-Ausgabe - Wuppertal, 06.12.2017 - Michael Lingemann sieht mit seinen schneeweißen Haaren und seinem ebenso weißen Bart aus wie eine Mischung aus Ernest Hemingway und heiliger Nikolaus. Michel, wie ihn seine Freunde nennen, ist ein offener, ein freundlicher Mensch. Nichts deutet mehr darauf hin, dass er beinahe am Leben zerbrochen wäre - als Folge seiner Alkoholsucht. Als Feind bezeichnet der 71-jährige seine Krankheit, die er inzwischen fest im Griff hat.

„Ich bin Alkoholiker, habe aber seit 26 Jahren keinen Tropfen mehr getrunken“. Mit sich und seiner „Säufer-Vergangenheit“ geht Lingemann schonungslos ins Gericht. „Meine Krankheit, die Sucht, ruht, solange ich nicht trinke, aber sie hört nicht auf“, dessen ist er sich voll und ganz bewusst.

26 Jahre Abstinenz. Anerkennung fand er zum Beispiel als ausgebildeter Suchtkrankenhelfer und später sogar als Gruppenleiter der Suchtselbsthilfe „Blaues Kreuz i.D.“ in Wuppertal. Hier konnte Michael Lingemann Leidensgenossen so helfen, wie ihm auch vor vielen Jahren selbst geholfen wurde. Sein Wort hatte Gewicht, das bewies er als erster Sprecher des Fachausschusses Suchtselbsthilfe NRW, als er auch einen direkten Draht zum Landes-Gesundheitsministerium hatte.

Anerkennung und Selbstbewusstsein sind das, was ihm früher einmal gefehlt und ihn schließlich auch zum Trinker gemacht hatte. Denn Minderwertigkeitskomplexe haben offensichtlich erheblich dazu beigetragen, dass er überhaupt zur Flasche griff. Lange hat er gegrübelt, wieso er überhaupt Opfer des Feindes Alkohol werden konnte. Heute glaubt er die Antwort zu wissen: Michael Lingemann fühlte sich immer zu klein, zu dick und zu unattraktiv. Seine Psyche war angeknackst.

Doch das Schlüsselerlebnis war dann aber der Bankrott seines Vaters, dessen Firma Karl Lingemann am 30.06.1966 buchstäblich über die Wupper ging. Zwei Tage vor Michels 20. Geburtstag. Durch die Pleite des Unternehmens, das zu dem Zeitpunkt weit über Wuppertal hinaus Branchenführer im Bereich „Heizung, Sanitär & Lüftung“ war, verloren 250 Mitarbeiter ihren Job. Darunter auch Michel, der das Gymnasium mit der Mittleren Reife verlassen hatte und im Unternehmen seines Vaters eine Ausbildung zum technischen Zeichner machte.

Der Konkurs war ein Drama für die ganze Familie. Michael Lingemann: „Mein Vater wurde damit nicht fertig, er landete schließlich in der Klinik Tannenhof und starb wenig später. Er war über Nacht vom Millionär zum Bettelmann geworden. Meine Mutter Maria musste einen Job in einer Reinigung annehmen, und wir zogen in die kleine, enge Dachgeschosswohnung in dem Haus, in dem wir viele Jahre gewohnt hatten.“

Ein geplatzter Lebenstraum, Existenzängste! Vor dem Hintergrund ist die folgende Anekdote eigentlich nur eine kleine, unwichtige Randnotiz, doch für den damals labilen, psychisch angeschlagenen jungen Michel, der eigentlich Ingenieur werden und die Firma seines Vaters übernehmen wollte, war sie ein weiterer Tropfen, der das Glas mit zum Überlaufen brachte. Michael Lingemann: „Ich bin mit dem weißen Fiat 1500 Cabrio, den mir mein Vater geschenkt hatte und der mein ganzer Stolz war, zur Bank gefahren, habe ihn dort abgegeben und bin danach weinend zu Fuß nach Hause gelaufen.“

Michel hat danach zum Teil die Verantwortung für seine jüngere Schwester getragen. Doch diese konnte er nur schultern, wenn er etwas getrunken hatte. Michael Lingemann aus der Sicht von heute: „Damals war ich schon alkoholabhängig, hatte die Situation aber noch im Griff - dachte ich zumindest.“

Doch er hatte sein Leben schon lange nicht mehr unter Kontrolle. Immer, wenn nur das kleinste Problem auftauchte, griff er zum Glas. Frauen konnte er nur ansprechen oder zum Tanzen auffordern, wenn er einen gewissen Alkoholpegel hatte. Liebesbeziehungen ertranken im wahrsten Sinne des Wortes im Alkohol. Auch die mit der Frau, die er auf Ibiza an der Hotelbar kennen lernte. Auch sie trank viel und oft. Ein Teufelskreis.

Als die Beziehung schließlich scheiterte, trank Michael Lingemann alleine weiter. Aber nicht mehr ausschließlich in Gaststätten, wie er es früher getan hatte, sondern jetzt auch allein Zuhause. Freunde, Kollegen und seine Schwester erkannten mit großer Sorge diese Entwicklung. Aber Michel ließ niemanden an sich heran. Er trank buchstäblich weiter, bis der Arzt kam. Die Untersuchungsergebnisse waren eine reine Katastrophe.

Michael Lingemann zog die Notbremse. Doch als die Werte besser waren, „schnappte“ er sich wieder die Flasche. 1990 dann endlich der entscheidende Schritt. Sein Arzt hatte ihm eine Diät-Kur verordnet. Beim Tanztee wurde er von einer Frau zum Tanz aufgefordert. Michael Lingemann, total nüchtern, wollte kneifen. Doch die Dame ließ nicht locker. Schließlich fanden sich beide auf der Tanzfläche wieder. Und Michel erkannte: Es geht auch ohne Alkohol. „Im Nachhinein war das ein entscheidendes Erlebnis“, sagt er heute. Mit der Tanzpartnerin von damals ist er heute noch befreundet.

Danach gab es eigentlich nur noch eine letzte große Trink-Eskapade. Er hatte 14 Tage Urlaub und „soff“ diese zwei Wochen noch einmal richtig durch. Lingemann: „Das war mein Abschlusstrinken, wie es mein Therapeut genannt hat.“ Es folgten vier Jahre Gruppentherapie beim „Blauen Kreuz“. Die wichtigste Entscheidung, die er je getroffen hat. Michael Lingemann bekam sein Leben wieder in den Griff und konnte wieder viel konzentrierter seinen Job machen.

Und er lernte beim „Blauen Kreuz“ auch Iris kennen, seine neue Lebensgefährtin. Sie trinkt keinen Alkohol und hilft seit vielen Jahren Menschen, von der Sucht los zu kommen. Iris gibt Michel bis heute einen sicheren Halt. Denn auch ohne Alkohol verlief sein Leben nicht schnurgerade und ohne Hindernisse. 2005 wurde Michel ohne jede Vorwarnung die Stelle als technischer Einkäufer in einer 60-Mitarbeiter-Firma in Düsseldorf gekündigt. Zu alt, zu teuer, hieß es lapidar.

Fünf Jahre zuvor war die Firma Otto Härter in Wuppertal, bei der er 33 Jahre gearbeitet hatte, in Insolvenz gegangen. Michael Lingeman war damals 58 Jahre alt. Schwer enttäuscht fiel er in ein tiefes Loch. Aber zum Alkohol gegriffen hat er nicht mehr. Ein Freund bot ihm einen Job als technischer Berater beim Neubau von Event-Hallen in Wuppertal an. Michel griff zu und so hatte er nach der Arbeitslosigkeit wieder eine sinnvolle Beschäftigung - wenn auch nur für ein Jahr.

Im Anschluss wurde Michael Lingemann in den Fachausschuss der Sucht-Selbsthilfe in NRW gewählt. Das gab ihm einen Motivations-Schub! Er war sechs Jahre Mitglied in dem Ausschuss, davon sogar drei Jahre lang als erster Sprecher. Er schaffte es sogar als Ehrenamtler in den Arbeitsausschuss Drogen & Sucht in Münster und in den Beirat des Landes NRW.

Michael Lingemann hatte seine Ziele erreicht. Er ging voll in seiner Aufgabe auf. Laut Satzung musste er nach sechs Jahren aus seinen Ämtern ausscheiden. Michael Lingemann war mental völlig ausgebrannt, er brauchte erst einmal eine Auszeit. Er nutzte sie für eine zweijährige ambulante Psychotherapie.

Michel: „In der Phase war ich sehr mit mir selbst und meiner Vergangenheit beschäftigt. Um die Zeit zu überbrücken, habe ich sehr viel gelesen. Zum Glück hat mir meine Iris in der schweren Wochen und Monaten den Rücken frei gehalten. Das werde ich ihr nie vergessen.“

Zwei Jahre Auszeit, zwei Jahre, in denen Michael Lingemann neue Kraft geschöpft hat. Diese will er jetzt einsetzen, um anderen Menschen zu helfen und um ein verständnisvoller Ansprechpartner für sie zu sein...

Text: Peter Pionke

 

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